Links

Mag. Karin Zimmer, In Between. Austria Contemporary

In Between. Austria Contemporary
Eine Schau der jungen Kunst in und aus Österreich

Die Vielzahl der in Österreich lebenden und arbeitenden Künstlerinnen und Künstler und das damit verbundene große künstlerische Potential bilden die Basis für diese Ausstellung. Es wird der Versuch unternommen, einen Einblick in die neueste Künstlergeneration in Österreich zu geben. Die Ausstellung versammelt vor allem Künstlerinnen und Künstler, die jünger als 40 Jahre sind. Diese Vorgehensweise wurde bewusst gewählt, denn in den Werken liegt ein Potential, das im Entstehen ist und in dem man die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen erahnen kann.

Welche Anliegen, welche künstlerischen Strategien prägen die junge österreichische Kunst?

Sie ist vielseitig, kritisch, eigenwillig, hinterfragend, widerständig, experimentell, diskursiv, offen. Junge Künstler sind Multitasking-Spezialisten und arbeiten in unterschiedlichsten Medien wie Film, Video, Zeichnung, Malerei, Installation und Performance. Sie öffnen die Grenzen zwischen High and Low, zwischen Kunst und Populärkultur, zwischen Kunst und Alltagsleben. Junge Künstler in und aus Österreich sind Global-Players, sie leben in Wien und Berlin, sie arbeiten als Artist in Residence in Peking, New York, London und Kairo. Die junge Generation bewegt sich mit Leichtigkeit, sie bezieht ihre Anregungen nicht nur aus der europäischen Kultur sondern auch aus der „globalen“ Weltkultur. Sie hält durch mediale Netzwerke weltweit Kontakte und Beziehungen aufrecht – so ist Österreich plötzlich auch anderswo.

In der Ausstellung In Between. Austria Contemporary werden mehrere große Themenbereiche und Positionen der zeitgenössischen österreichischen Kunstproduktion in lockeren thematischen Gruppen zusammengefasst. Hier ein kleiner Rundgang:

Kein Leben ohne Bilder

Künstlerische Themen sind die Populär- und Medienkultur, die Formensprache von Alltagsbildern, die Herkunft dieser Bilder aus Kunst- und Filmgeschichte, Schrift, Sprache und Übersetzung, die Herkunft von Zeichen, das Spiel der Assoziationen, Versuchsanordnungen, Utopien und imaginäre Welten.

Eine zentrale Arbeit der Ausstellung ist die Villa Tosca von Thomas Draschan. Im Mittelpunkt der digitalen Collage steht Karl Heinz Köpcke, deutscher Nachrichtensprecher von 1959 bis 1987 und das Synonym für sachliche Information und Vertrauenswürdigkeit. „Mr. Tagesschau“ wird in eine romantische Landschaft transferiert, im Spannungsfeld eines sich bis zum Horizont wiederholenden, gespiegelten Musters. Dadurch werden die Puzzleteile der Collage in ein neues Verhältnis, in ein neues Ganzes gebracht. Draschan schafft Bezüge zur Kunst- und Filmgeschichte, Antike trifft Hollywood, Tourismus trifft deutsche Sachlichkeit. Für Thomas Draschan sind Bilder „cool killer“ (Jean Baudrillard) und „Höllenwelten“ (Paul Virilio), Passion und Subversion der Moderne. Kein Medium kommt ohne Bilder aus, kein Leben ohne Bilder.

Die medialen Bildwelten und die Welten der Kinder stehen im Zentrum von Dejan Kaludjerovićs Malereien und Videos. Cartoonfiguren aus der bitterbösen Serie Happy Tree Friends flüchten im Bild Fire entsetzt vor einer Gruppe von Kindern. Kaludjerović geht es einerseits um die Flucht in die vermeintliche Unschuld kindlicher Verhaltensweisen und ihrer von Cartoons und Fabelwesen gekennzeichneten Bildwelten, anderseits um die Vorformuliertheit medialer Bilder, mit denen die Welt von Kindern und Jugendlichen markttechnisch für den Konsum erschlossen werden.

„Zenita, Zenita City, Zenita Universe, Zenita Galaxy – unendliche weiten am so behutsamen wie unabdingbaren ausdehnen… Zenita Komad versteht ihr Werk als Stadt. Zenita City ist zugleich pulsierende Metropole wie Idyll, eine Baustelle, ein Rückzugsgebiet, ein Tempel, eine strenge Kammer, ein Lichtkurort. Zenita City ist überall“, schreibt Markus Mittringer. Zenita Komads Galaxie bewohnen viele Menschen und auch ihre Werke sind Bewohner, sind beseelte Wesenheiten mit ausgeprägten Individualitäten, die sich mit der Zeit weiterentwickeln und verwandeln. So steckt Zenita ihr 2005 entstandenes Schriftbild How Can We Dance when the World Is Burning/Boring? drei Jahre später in sein eigenes Kleid, überdimensional, grün, mit Edelweiß beschmückt.

Spielerisch-ironisch kombiniert Tillman Kaiser in seinem 2005 entstandenen Himmelsbild Elemente der Populär- und Medienkultur mit dem Vokabular der künstlerischen Moderne nach dem zweiten Weltkrieg. Er geht den Fragen nach, ob die Moderne am Ende doch nur eine Konstruktion darstellt. Wo sind die großen Utopien hinverschwunden? Ist ihr Vokabular nicht längst zum Dekor der Epoche geworden? Einzelne Versatzstücke überlagern sich zu meist symmetrischen Kompositionen. Die Elemente setzen sich auf der einen Seite aus Motiven der Architekturgeschichte zusammen, auf der anderen Seite sind es Ausschnitte aus Zeitungen, denen er die Protagonisten seiner Bilder entnimmt. Verbunden mit Malerei entstehen Werke, die in ihrer Bildsprache an – wie er selbst sagt – „gescheiterte Utopien“ erinnern, angelehnt an das Bild einer „Zukunft, wie sie sich in der Vergangenheit vorgestellt wurde“.

Dorothee Golz’ Aufzucht und Pflege biologischer Hauhaltsobjekte zeigt hinter den Gegenständen oder Handlungen versteckt formulierte Elemente, amorphe Gebilde aus futuristisch anmutenden Tagträumen, die in Kombination mit den vertrauten Gegenständen der Alltagswelt eine irritierende, unbewusste, assoziative, imaginäre Welt zur Seite gestellt bekommen.

Die Beziehung zum Haustier thematisiert Barbara Eichhorn in großformatigen Zeichnungen. Hunde und Katzen stehen den Menschen als Haustiere am nächsten. Ihre Besitzer geben ihnen einen Namen und bauen eine persönliche Beziehung auf. Die Tiere werden zu Ersatzmenschen und fungieren nicht selten als einzige soziale Bindung. Sie verkörpern die unerfüllten Sehnsüchte nach Liebe oder Geborgenheit.

Christian Schwarzwald nimmt das Sujet der Schaukel vom Spielplatz und inszeniert das Gerät zeichnerisch verfremdet in der Galerie. Er spielt mit den Perspektiven, die er durch seine Art, die Schaukel zu zeichnen, kippt und kehrt damit wieder zur Zweidimensionalität des Mediums zurück, zum definierten Raum der Bleistiftzeichnung, dem weißen Blatt Papier. „Sein Spiel ist eine Parallelimitiation, eine Simulation der Welt, eine Versuchsanordnung.“

Say we can all have Kassels in Spain soon

In den konzeptuellen Arbeiten von David Jourdan, Andreas Fogarasi, Stefan Sandner und Harald Gsaller steht die Sprache, die Übersetzung, die Reproduktion der Sprache in Schrift und die damit verbundene inhaltliche Veränderung der Aussage im Zentrum.

David Jourdan greift mit dem Satz Say Kassels in Spain soon auf ein Textfundstück zurück, das er in „Yellow Kid“, einem der ersten Comicstrips gefunden hat. Dort wurde die altertümliche Redewendung „building castles in Spain“ zu „Say we can all have Kassels in Spain soon“. Diesen Satz reproduziert Jourdan in der Originalschrift des Comics im Ausstellungsraum und hinterlässt den Betrachter mit der verwunderten Überlegung, ob nun die nächste documenta in Spanien stattfinden wird.

Ein wesentlicher Teil der Arbeit Stefan Sandners ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte der minimalistischen Malerei amerikanischer Herkunft, sein Interesse gilt der Art und Weise, wie Bilder konstruiert sind und wie diese Bilder in Beziehung zueinander stehen. In der Arbeit Ohne Titel (Boing) vergrößert Sandner eine gefundene handschriftliche Notiz ins Riesenhafte, er isoliert das Schriftfragment und bringt es in einem neuen Kontext auf die Leinwand. So oszilliert das Gemälde zwischen auktorialem Bild und mimetischem Abbild.

Andreas Fogarasi untersucht in der Arbeit Innsbruck, Tirol, Austria, Innenstadt die Typografie von Logos und Images, die kulturelle Bildwerdung mit welcher ein Land, eine Stadt oder eine Marke versucht, den Leser zu erreichen. Fogarasi verfolgt die Herkunft dieser Zeichen aus historischen Bildtraditionen wie beispielsweise der Heraldik und formuliert in der räumlichen Installation des Kunstwerkes eine Art Landkarte Österreichischer Identitäten.

Der Autor und Bildkünstler Harald Gsaller ergänzt den in Horapollons Werk „Bildschrift“ abgebildeten „Springenden Hasen“ um die auslegende Zeile „Potentielle Beutetiere machen sich rar“ zu einem Emblem, in dem sich Bild und Text in interpretatorischer Weise verbinden.

Freiraum zum Malen

Drei Positionen abstrakter Malerei werden von Tobias Pils, Martina Steckholzer und Luisa Kasalicky vertreten.

Fiktive Räume, Landschaften und Gegenstände sind in Tobias Pils’ Malereien zu sehen. Die Malerei ist zeichenhaft, eine Malerei der Reduktion, der einfachen Formen. Sie erinnert an ein „permanentes Sprechen bzw. Schreiben. Sein Werk ist immer Conclusio und Vorschlag zugleich“ (Rainer Fuchs).

Martina Steckholzer übersetzt die zeitgenössische Kunst in reduzierte und brüchige malerische Gesten und Oberflächen. Zitate aus dem Kunstkontext finden sich in kristallinen Strukturen ihrer Bilder wieder.

Luisa Kasalicky lässt mit ihren raumbezogenen Arbeiten die Leinwand hinter sich und dringt versatzstückartig in die dritte Dimension vor. Zum „Bauen“ ihrer Bilder verwendet Kasalicky Rohmaterialien der Alltagskultur, Baustoffe wie Fliesen, Lack, Karton und PVC, Versatzstücke, Reste, Fragmente, die übrig bleiben, wenn etwas hergestellt wird.

About Faces

Bei den folgenden künstlerischen Positionen steht das Porträt im Zentrum, die private und öffentliche Inszenierung der individuellen Persönlichkeit.

Christy Astuys Porträt von Barbie Kahlo entspricht dem weiblichen und subjektiven Blick auf die Welt. Barbie Kahlo ist die Verbindung der „all American beauty“, der klassischen Projektionsfläche männlicher Phantasien, mit einer Ikone der Kunstgeschichte, Frieda Kahlo. Christy Astuy löst Barbie aus dem natürlichen Umfeld und inszeniert sie als Barbie Kahlo neu, ein kleiner Wink in Richtung der boshaften Seiten der weiblichen Persönlichkeit.

Pia Mayer inszeniert ihren Alltag Au salon. Sie sitzt auf einem Stuhl, mit Blick in die Kamera, hinter sich die Kartografie ihres persönlichen Mikrokosmos, aufgenommen in ihrer kleinen Wohnung im 4. Wiener Gemeindebezirk. Mit Tisch und Couch, zwischen Ordnung und Chaos stellt Pia Mayer ihre Privatheit der Öffentlichkeit dar und positioniert sich als Künstlerin und als Frau in der fiktiven wie der realen Welt.

Ursula Mayer inszeniert in der dreiteiligen Fotoarbeit Interiors komplexe Geschichten von Räumen und Personen in einer modernistischen Villa, aufgeladen mit historischen, sozialen und ideologischen Fakten und Bezügen. Es entspinnen sich Interaktionen zwischen der jungen Frau, den Räumen, den Dingen und der Kamera, ein Netz aus Fiktionen, Gesten, Blicken und Formen.

Margret Wibmer arbeitet im Grenzbereich von bildender Kunst und Mode, Performance und Cultural/Social Studies. Bei den fotografischen Arbeiten Girl and Spotlight, Panoptikum, Zustand geht es Margret Wibmer um die Beziehung zwischen dem Mädchen und 13 dem Gegenstand: das Mädchen und die Trockenhaube der 50er Jahre, das Mädchen und die Ziehharmonika, das Mädchen und das Spotlight. Auf den ersten Blick sind die Fotos von Margret Wibmer durchaus ästhetisch anmutend, jedoch bei genauerer Betrachtung breitet sich aufgrund der obskuren Paarung von Maschine und Mädchen ein gewisses Unbehagen aus.

In der Bearbeitung einiger weniger Einstellungen S/W-Fundmaterials schickt Björn Kämmerer einen Jungen unaufhörlich eine häusliche Treppe hinauf und hinab. Gewandet in Krawatte und Arbeitsmantel erscheint dieser als frühreifer Ingenieur einer Maschine, die zur Eskalation drängt und den sich vervielfältigenden Zauberlehrling nicht mehr aus ihren Escherschen Raumschleifen freigeben will.

Gregor Schmoll knüpft in seiner Serie Vexations ein Beziehungsnetz zwischen den erotischen Blumenfotos von Robert Mapplethorpe, den Charakterköpfen von Franz Xaver Messerschmidt und der Qualität von Edward Westons S/W-Aufnahmen von Gemüse. Aus der Kontur seines eigenen durch Grimassen verzerrten Profils stellt Gregor Schmoll Schablonen für Porzellanvasen her, aus der Positivform wird eine Negativform, aus dem Charakterprofil ein Ornament (Anselm Wagner), das von der Traditionsfirma Augarten Porzellan in makellos weißem Porzellan hergestellt wird.

Die in Salzburg beheimatete Künstlergruppe Bildkombinat Bellevue inszeniert ihren Besuch beim Minotaur in der Deutschvilla in Strobl folgendermaßen: „Die Deutschvilla als vorübergehender Aufenthaltsort von Leuten, die niemand haben will (wie z.B. eine Exilregierung). Sie benutzen das Haus in einer vorübergehenden Weise: Die Taschen, in denen alles hierher transportiert wurde, werden aus Langeweile herumgeschichtet und arrangiert. Natürlich musste viel Brauchbares und Bewährtes aus dem Ursprungsland mitgenommen werden, um es im Exil bewahren zu können. Es werden Gegenstände mehr deponiert als platziert; Geld gibt es eher genug als zu wenig; auch für Liebe hat man ausreichend Gelegenheit. Wahrscheinlich wird der Drogenvorrat für längere Zeit reichen, Orden trägt man gerne, auch ohne besondere Anlässe. Jemand fickt mit der Gummisusi und blickt auf den Park, die Nachbarn scheinen einen immer zu übersehen und wo die früheren Bewohner sind, interessiert ohnehin niemand. Irgendwo im Haus lebt ein Monster, das nur nachts, oder wenn niemand im Haus ist, in die Gänge und Zimmer scheißt; sein Versteck oder seine Zuflucht wurde bisher noch nicht gefunden.“ (Bildkombinat Bellevue)

The Sublime and The Nature

Andreas Heller untersucht in seiner Installation Wie alles so einfach wird… – 0° Celsius die grundsätzliche Frage, ob die Kunst Vor- oder Nachbild der Natur ist. „Wie der Mann am Felsen, ein leidenschaftlicher Entdecker auf der Suche nach einem Schatz, ein Enthusiast, der hilflos versucht das Universum zu fangen, es mit seinen Sinnen und Bedeutungen zu fassen, der scheinbar die Gesetze der Schwerkraft nicht respektiert, so ist auch Andreas Hellers Held von Wie alles so einfach wird…, er steht gefährlich am Felsabhang, unermüdlich kämpfend mit einer gefährdeten Natur, überwältigend in ihrer Erhabenheit, zwischen Faszination und Abstoßung, Verführung und Verehrung.“ (Adam Budak) Und was geschieht bei 0° Celsius? Gefriert das Wasser oder schmilzt das Eis? Jedenfalls ist es der Punkt, an dem die Transformation des Materials stattfindet. Diese ist letztlich auch der zentrale Punkt jeder Kunst, ob es nun das physische Material ist, das verformt, verändert oder umgewandelt wird, oder ob es die Idee ist, die sich materialisiert – es findet Transformation statt.

Die Transformation der Wasserkraft, das „Stauen“ und „Umdrehen“ von Wasserläufen beschäftigt Günther Pedrotti seit Jahren. Die dreiteilige Fotoarbeit nasse Welt dokumentiert eine in einem steirischen Bach installierte Sperre, die langsam den Wasserspiegel, den Wasserstand anhebt. „Die Wasserkraft. Immer die Wasserkraft. Und warum? Weil sie halt schon da ist…“ (Elfriede Jelinek), ebenso wie die Bilder der österreichischen Landschaften in unseren Wohnzimmern.

Barbara Musil und Karo Szmit tragen als Künstlerinnen im niederösterreichischen Ötscherland ein Bildarchiv von Wohnzimmermalereien der Region zusammen und durchwandern als Touristinnen diese gemalten idyllischen Berg- und Wiesenlandschaften im Film SWNÖ 04 digital. Ihre Landpartie wird zur Entdeckungsreise der etwas anderen Art. Sie inszenieren ein Vexierspiel zwischen den Medien und veranstalten die ironische Selbstinszenierung ihrer selbst.

Imaginäre Bilder der Erinnerung evozieren Heribert Friedls Duftlasuren. An der Installation Pair muss man reiben und daran riechen. Heribert Friedl spart in seinen Werken visuelle Momente aus, trotzdem ist das Ergebnis seiner Arbeit eine visuelle Wahrnehmung, ein imaginäres Bild. Die Rezeption über das Riechen ist wichtig. Jeder darf das Kunstwerk berühren, daran riechen, im selben Augenblick ist das Werk für Friedl vollendet und gleichzeitig wird es zerstört. Erinnerungen über visuelle „Geruchsphänomene“ – das riecht doch so wie damals… –, die unendlich damit verbundenen Geschichten werden plötzlich gegenwärtig, sie werden zum Teil der Arbeit, ein Teil, der bleibt. Der Geruch selbst verflüchtigt sich.

Utopien der Moderne

Themen wie Großstadt, Architektur, geplante und gescheiterte Utopien im städtischen Raum beschäftigen die folgenden Künstlerinnen und Künstler.

Die Arbeit Perceiving L. A. within 109 days von Annja Krautgasser besteht aus zwei Teilen: der sechsteiligen Printserie 240 Screenshots mit Luftbildaufnahmen von Los Angeles und dem Video Cruising Around, das ergänzend zu den Prints die von Krautgasser persönlich zurückgelegten Routen durch die Stadt L. A. zeigt. Das verwendete Bildmaterial für die Prints wurde über Google Map in Form von Screenshots gescannt und zu einer Landkarte zusammengesetzt. Die Auseinandersetzung mit Satellitenbildern aus dem Internet und das In-Relation-Setzen der einzelnen persönlich erfahrenen Regionen ist ein Versuch Annja Krautgassers sich der Großstadt L. A. anzunähern.

Johannes Böcks Farbfotografien New Hefei entstanden in den vergangenen zwei Jahren in Hefei, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui. Sie dokumentieren die im Entstehen begriffenen Stadtlandschaften des radikal wachsenden chinesischen Städtebaus und die von ihr geformten Räume. Hannes Böcks Arbeit ist das, was Roland Barthes eine „Kunst der Zwischenräume“ genannt hat. Der Blick in die Kamera fungiert ähnlich dem Angelus Novus, Walter Benjamins Engel der Geschichte, „als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt“.

In Felix Malnigs Arbeit geht es um die kulturellen und sozialen Auswirkungen von Stadtplanung, großen Architekturprojekten, um die Gestaltung des öffentlichen Raums. Als Artist in Residence in China dokumentierte er unfertige Hochhausruinen in Chengdu, anonyme Hüllen und Monumente der wirtschaftlichen Stagnation. Das „Renaissance Center“ in Detroit, welches Malnig auf dem nach dem dortigen Firmensitz benannten General Motors malt, ist zwar ein baulich intaktes und viel genutztes Gebäude im Stadtzentrum, aber im heute verwahrlosten und verlassenen Stadtkern gelegen, stellt der Glanz dieses nur oberflächig strahlenden Architektursymbols eine Ruine der grauen Realität des städtischen Alltags dar.

Auch Clemens Wolf malt immer wieder Ruinen, den Verfall von Häusern, von ehemaligen Produktionsstätten, Werkhallen, in unserem Fall die Ruine der Sofiensäle im 3. Wiener Gemeindebezirk, er malt die faszinierende Gesetzmäßigkeit der Unordnung.

In ihrem Werk beschäftigt sich Dorit Margreiter mit Fragen zu Architektur und Gender, Institutionskritik, modernistischen Idealvorstellungen und Alltagskultur, mit dem Verhältnis zwischen realen Orten und Orten der Fiktion. Die Arbeit Original Condition (Modernist Interpretation) besteht aus zwölf gerahmten US-Zeitungsinseraten, in denen Häuser berühmter Architekten der Moderne (Richard Neutra, Rudolf Schindler, John Lautner u.a.) im „Originalzustand restauriert“ zum Verkauf angeboten werden. Vom ursprünglichen Experiment zur utopischen Erneuerung der Gesellschaft mutierten die Häuser zu „Meisterwerken“, zu vielfach codierten kulturellen Ruinen.

Inside Establishing Shots von Karina Nimmerfall dokumentiert die Architektur bekannter Filmkulissen und Establishing Shots aus Science-Fiction-Filmen und kombiniert diese mit einem Datenblatt mit Angaben zum jeweiligen Ort und dessen Verwendung im Film. Die Fotoserie spielt mit der Diskrepanz von futuristischer Inszenierung moderner bzw. postmoderner Architektur im Film und deren eher unspektakulären Erscheinung unter „realen“, alltäglichen Bedingungen und thematisiert die von der Filmindustrie gezielt benutzten Architektur-Klischees sowie deren Repräsentationsmuster.

Kontradiktorische Bedürfnisse

Fabian Seiz’ aus Holzresten gefertigte Skulptur Kontradiktorische Bedürfnisspirale besteht aus einem Turm, der von einer Spirale umgeben ist. Buntfärbige Lichtfolie ist auf die Spirale und die Spitze des Turmes kaschiert und ein Nachttraum inspirierte Seiz zum Titel der Arbeit Kontradiktorische Bedürfnisspirale, was soviel bedeutet wie der Überschwang von Bedürfnissen über jede gegebene Form ihrer Befriedigung.

Constantin Lusers Flugsaurier ist ein 1:10 Modell eines noch nicht realisierten Exemplares der Vibrosaurier. Ein anderer bereits realisierter originalgroßer Saurier aus Trompeten, Posaunen, Tubas und Waldhörnern stellt einen vielstimmigen bespielbaren Klangkörper dar. Laut Luser gehört der Vibrosaurus „zur Gattung der gemeinschaftstonerzeugenden Saurier, er ernährt sich von Lippenvibrationen und Stimmbandschwingungen von Menschen. Es ist ein Gruppeninstrument für bis zu 30 Musiker oder Nichtmusiker. Die Knochen des Sauriers sind röhrenartig, hohl und erzeugen je nach Länge und Begabung oder Übung des Benutzers unterschiedliche Töne.“

Markus Wilfling kehrt in seinen Installationen und Objekten alltägliche Situationen in ambivalente um und irritiert damit den Betrachter. Die Irritation ergibt sich aus der Substantialisierung des Virtuellen, Flüchtigen, beispielsweise durch die von Wilfling vorgenommene real-gegenständliche Verdoppelung ausgewählter Objekte, und hier erfolgt eine Transformation gewöhnlicher Verhältnisse in ästhetische (Kerstin Braun).

Das artist label „_fabrics interseasons“ Wally Salner und Johannes Schweiger arbeitet im Grenzbereich von bildender Kunst und Mode. Für die Installation Surface: Tapisserie Nr. 1 haben sie die Stoffreste ihrer Kollektionen der letzten zehn Jahre zu Fleckenteppichen verwoben, die nun abstrahierend die Essenz ihrer Modearbeiten beinhalten. Ein metaphorisches Archiv ihrer Arbeit wird durch die technischen Voraussetzungen (gezwungen durch Kettfäden der Weberei) angeglichen und neutralisiert und so zur textilen Skulptur. Vorgestellt werden 36 künstlerische Positionen, die ein breites Spektrum unterschiedlicher Ansätze, Intentionen und Kunstsprachen abdecken, die der Kunststandort Österreich zu bieten hat, und dessen Reichhaltigkeit beeindruckend ist. Die kleine und auch subjektive Auswahl der präsentierten Positionen zollt denen Respekt, die nicht daran beteiligt sind.

Jedes einzelne Werk dieser Ausstellung ist ein Wesen, ein Energieträger. Die Kunstwerke sind nicht nur Informationsträger, sie speichern nicht nur die Oberfläche, sondern auch die kollektive Biografie. Die Liebe zur Kunst definiert sich nach Jean Christoph Amann dadurch, dass Bildsprachen Inhalte transportieren, die sonst nicht zu vermitteln sind. Das Bild ist in seiner vollen Gegenwärtigkeit da, dringt in uns ein und erfasst Schicht um Schicht unserer Erinnerung und bringt uns zum Klingen. Der Liebhaber von Kunst muss seine Bilder immer wieder sehen. Er muss sie mit den Augen einatmen.

Geändert am 18.03.2010

 top