17. März 2009
Dom- und Diözesanmuseum Wien
Fotocredit: Claudia Henzler
(Es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrter Herr Brauer!
Sehr geehrter Herr Kardinal!
Sehr geehrte Damen und
Herren!
als Bildungsministerin betone ich – derzeit täglich –, wie wichtig die beste Bildung für unsere Kinder ist. Und dann sehe ich hier einen erfolgreichen Mann, dessen Lernmodell ich auf den ersten Blick gar nicht gutheißen kann.
Da wird diesem Mann in jungen Jahren die Schule verweigert und er wird später Professor an der Universität.
Da wächst dieser junge Mensch als Gassenbub auf und lebt später in einer Villa, von der er augenzwinkernd sagt: „ Der ungewohnte Luxus machte mir am Anfang eher zu schaffen — aber man gewöhnt sich an alles!“
Da muss dieser Mann, um nach dem Krieg zu überleben, Ziegel klopfen, Brennholz schlagen, Schuhe schustern, Gewand nähen und feiert dann als Künstler internationale Erfolge.
Es setzt sich also im Leben ein Mensch durch, für den der Spruch gilt: „Du hast keine Chance, nutze sie.“ Und das kann ich schon wieder gutheißen.
Ihre Geschichte, werter Erich Brauer [Anm. Geburtsname], Arik Bar-Or [Anm. früherer
Künstlername in Israel], Arik Brauer ist eine schöne, eine gerechte Geschichte.
Eine
Geschichte von einem Mann, der sich von den Herausforderungen des Schicksals in seinem Weg nicht beirren ließ.
Und die Schlussfolgerung daraus – voll Brauerscher Weisheit – hat er für uns in einem Liedtext niedergeschrieben, der da lautet:
„Soll ich zu den Bäumen sagen, mir ist heute was missglückt, oder soll ich es den Steinen klagen, wenn der Schuh mir einmal drückt. Da muss ich halt beim Wandern die Stiefel besser schnür’n und ganz genau im Bilde sein, wohin die Wege führ’n.“
Diesen Optimismus und dieses Vertrauen in die eigene Kraft wünsche ich allen Menschen – gerade jetzt in schwierigeren Zeiten.
Im Talmud steht. „Jeder Mensch ist eine Welt.“
Sie, werter Herr Brauer, sind eine 80-jährige, frische Welt und Sie haben für uns eine Welt geschaffen, voll Farben, Formen, Geschichten und Klängen, die uns mit Freude erfüllt.
Als die für Kultusfragen zuständige Ministerin freut es mich besonders, dass Sie hier am Stephansplatz biblische Motive ausstellen. Dieser selbstverständliche Umgang des jüdischen Künstlers mit den Christen des Landes, umgekehrt deren selbstverständliches und respektvolles „Willkommen“ für die Juden in unserem Land ist ein gutes Signal inmitten einer Welt, in der vielfach die Religion missbraucht wurde und wird, um Menschen gegeneinander aufzuwiegeln.
In Abwandlung des Satzes von der „Insel der Seligen“, den Papst Paul VI. mit Österreich verbunden hat, möchte ich dieses erfreuliche Miteinander als den „Weg der Seligen“ bezeichnen, der über unsere Grenzen hinaus in viele Länder führen sollte.
Arik Brauer befasst sich seit rund 50 Jahren mit religiösen Themen: in Chassidischen Erzählungen, einem Gemälde-Zyklus zur Geschichte und Verfolgung des jüdischen Volkes oder einer illustrierten Haggada. In Zeichnungen und Gemälden setzt er sich mit der Bibel auseinander: mit dem Turmbau zu Babel oder mit alttestamentarischen Gestalten wie Abraham, David, Goliath und Daniel.
Lieber Arik Brauer, Sie suchen und finden die Poesie in der Bibel und lassen uns in Farbe, Form und Phantasie an ihr teilhaben. Die Bibel ist Ihnen ein Werk des Phantastischen Realismus voll von spannenden Geschichten.
Ihre Sicht auf die Bibel wird sicher auch jenen, die sich tagtäglich mit der Bibel befassen, die Chance auf neue Entdeckungen der Schrift geben. Und uns Besuchern jedenfalls Anlass zur Sinnes-Freude sein.
Ein Schweizer Bergführer, so habe ich gelesen, sagte einmal zu Arik Brauer: „Nur keine jüdische Hast.“
Worauf er antwortete: „Na wenn schon eine Hast, dann eine jüdische.“
Und mit einer ebensolchen schließe ich, damit wir schnell in die Ausstellung kommen.
Ich gratuliere Ihnen, Herr Brauer, zu Ihrem 80. Geburtstag und zu Ihrem bisherigen Leben, aus dem ich und viele Andere so viel Zuversicht schöpfen.
Geändert am 20.03.2009