Wien, Museum Stiftung Leopold, 09.09.2010, 12:30
(es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrter Herr Botschafter Dr. Eichtinger,
sehr geehrte Damen und Herren,
wenn wir heute gemeinsam über den Donauraum nachdenken und Strategien entwickeln, dann meinen wir nicht nur die Kulturlandschaft als Idee, sondern auch die Zukunft einer Region, deren Geschichte es den Menschen bis in die jüngste Zeit nicht leicht gemacht hat.
Elias Canetti hat in der "Geretteten Zunge" den Reichtum der Sprachen und Kulturen an der Donau beschrieben. Aber er hat auch in seinen Aufzeichnungen "Die Provinz des Menschen" gesagt: " Die Tage werden unterschieden, aber die Nacht hat einen einzigen Namen."
Und in der Tat, viele von diesen Schätzen der Kulturen, und viele Menschen, sind dem Faschismus, dem Kommunismus und dem Nationalismus zum Opfer gefallen.
Österreich und der Donauraum, das war immer auch gemeinsames Schicksal.
Heute sind wir verantwortlich für eine gute Zukunft für alle, und das ist keine Utopie: Die Wege sind offener denn je; die Rahmenbedingungen sind durch die europäische Integration besser, als sie es jemals in der Geschichte waren.
Ein großer Teil des sogenannten Donauraums war der lange ‚unruhige Balkan’, und die wirksamsten Verfechter einer verbindenden ‚Donauraum-Strategie’ (wie z.B. Erhard Busek) wussten immer um die Fragilität der Region, an der der "Westen" seinen durchaus unrühmlichen Anteil hatte.
Daran erinnert uns auch Maria Todorova in ihrem kulturhistorischen Meisterwerk "Imagining the Balkans".
Nie ging es also um Nostalgie; dafür waren die Widersprüche zu scharf, bis hin zu den tragischen Kriegen des vorigen Jahrhunderts; und es geht auch heute nicht um Nostalgie, sondern um Zukunft: "Imagining a great future!"
Dass die Donau, heute wieder als verbindende Ader gesehen werden kann, spricht wohl für die ‚Normalisierung’, für eine Zeit gemeinsamen Fortschritts.
Mein Ressort hat sich seit den frühen neunziger Jahren in der Region östlich und südöstlich von Österreich sehr engagiert. Schon am Beginn der intensiven Kultur- und Bildungskooperation ab 1989 ging es (Hilde Hawlicek) vor allem um die Überwindung der Spaltung Europas.
Heute besteht zum ersten Mal eine echte Perspektive der Aufhebung von Gegensätzen.
Was braucht es, um erfolgreich zu sein?
Wir müssen nüchtern und idealistisch gleichzeitig sein.
Zur Nüchternheit gehört, dass die Bilder, die wir uns vom Donauraum der Zukunft machen, noch offen sind:
vielversprechend, aber auch ambivalent; großen Potentialen stehen weniger optimistische Szenarien gegenüber.
Die Fülle von zu lösenden (nicht nur wirtschaftlichen) Problemen muss uns der größte Ansporn sein: es geht nicht nur um Interessen einiger; es geht um die gemeinsame Zukunft in Wohlstand, Chancengleichheit, Sicherheit, und guter Nachbarschaft im gemeinsamen Europa.
Um ein paar Beispiele zu nennen:
Menschen brauchen Sicherheit sowohl in emotionaler als auch in ökonomischer Hinsicht.
Sie brauchen Verständnis und Teilhabe.
Sie verbinden sich in gemeinsamer Aufgabe und Herausforderung auf der Basis der eigenen Identität.
Wir müssen Chancen schaffen und die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen, im gemeinsamen Haus jene Umstände anstreben, die auch im eigenen Land Gültigkeit haben, Chancengleichheit, Sicherheit und Stabilität.
Dazu gehört auch, bei allem notwendigen Wettbewerb, dasswir in gemeinsamen Räumen auch gemeinsame Normen festschreiben und respektieren.
Österreich genießt heute wieder das Privileg, kulturell inmitten eines Stroms von Talent und Kreativität im Donauraum zu liegen; der zeitgenössische Film, die Musik, die bildende Kunst und Literatur, das Theater, Design etc.
Es sind insbesondere auch die Künstlerinnen und Künstler, die an Entwürfen der Zukunft arbeiten, gegen jede Politik der Angst, gegen Ausgrenzung, für Menschenrechte und für kulturelle Rechte.
Wir müssen uns dieses Schatzes bewusst sein und ihn bergen und fördern, wo nötig, vor allem aber uns dankbar zeigen, indem wir in der Region mehr als nachbarschaftliche Verantwortung tragen.
Aus dieser historischen Situation - wie aus diesem "kreativen Privileg", das Österreich erfährt - erwächst eine doppelte Verpflichtung,
Wir begrüßen daher die Entwicklung einer EU-Strategie für den Donauraum durch die Europäische Kommission, und sehen darin auch die Chance, bisherige Initiativen und Kooperationen in und mit den betroffenen Ländern in Zentral-, Ost und Südosteuropa in eine kohärente Strategie einzubringen, zu intensivieren und zusammenzuführen. Kultur und Bildung müssen reale Eckpfeiler der Strategie werden.
Die konkreten Initiativen des BMUKK in der Region waren und sind zahlreich, und viele von ihnen erfolgen gemeinsam mit KulturKontakt Austria (1990 gegründet), einem Kompetenz- und Ressourcenzentrum für Bildung, Kultur und Kunst mit den geographischen Schwerpunkten Österreich, Ost- und Südosteuropa.
KulturKontakt unterstützt systemische Bildungsreformen in der Region, fördert junge Künstlerinnen und Künstler durch Aufenthalte und Vernetzungsangebote in Österreich und unterstützt auch die kulturelle Bildung an österreichischen Schulen. Damit erfüllt KulturKontakt eine Aufgabe für uns "privilegiertere Nachbarn" am "Oberlauf der Donau", nämlich in der aktiven Aneignung von empathischem "Nachbarschaftswissen"; auch als Basis für die eigene Weiterentwicklung.
Bildungspolitische Kooperations-Initiativen haben (etwa im Rahmen des Stabilitätspakts) schon viel bewirkt. Österreichs Eintritt in die Europäische Union (1995) hat neue Kooperationsmöglichkeiten auf multilateraler Basis eröffnet, zusätzlich zur OECD, oder dem Europarat.
Ich möchte einige wenige Beispiele unserer Arbeit nennen:
Bildung:
Außerordentlicher Anstrengungen bedarf weiterhin die Minderheitenfrage und besonders die Volksgruppe der Roma und Sinti. Bisher sind diesbezügliche lokale wie europäische bildungs- und auch kulturpolitische Initiativen leider noch marginal geblieben.
Massivere Investition in Bildung und Kultur in den communities wird dann erfolgversprechend sein, wenn es auch zu realer Wirtschaftserholung und Wachstum kommt und auf Bildung reale Arbeit folgt.
Kultur und Kunst:
Wie gesagt, vieles an diesen Projekten und Programmen muss erhalten und ausgebaut werden; dennoch, die Herausforderungen der Zukunft, in einer effizienten Donauraumstrategie, verlangen darüber hinaus europäisches Handeln, an dem sich Österreich kundig einbringen kann und muss.
Donauraumpolitik, Österreich und die EU:
Wir stehen in der Tat vor einer potentiell dynamischen Entwicklung, die hoffentlich kräftige wirtschaftliche Erholung und moderne Arbeitsplätzen in der Region mit sich bringt.
Da wir wissen, wie sensibel und entscheidend die ‚weichen’ Fragen wie Bildung und Kultur sein können, in dieser Region im speziellen, ist deren systemische Rolle im Donauraum-Regionalprozess vorzusehen.
Wir müssen sicherstellen, dass Bildung und Kultur materiell in jede Planung und Implementierung integriert sind.
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Schlussbetrachtung
Eine kluge und effiziente Donauraum-Strategie wird weitblickend sein, und nicht nur ‚technisch’, sondern in das investieren, was in Europa Zukunft hat: Bildung und Kultur.
Es gibt nicht viele Regionen im Europa von heute, wo die Aufgabe eines neuen und fairen Miteinander so drängend sind wie hier im Donauraum.
‚Too much history’, sagte Churchill über die Region, mehr Geschichte als die Menschen (er)tragen können.
Die Antwort des 21. Jahrhunderts wird sein: Mehr Zukunft für uns alle.
Geändert am 10.09.2010