Wien, Albertina, 3. Februar 2011

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied zur Eröffnung der Ausstellung "Der Blaue Reiter"

(es gilt das gesprochene Wort!)

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied zur Eröffnung der Ausstellung "Der Blaue Reiter"
Fotocredit: Andreas Tischler

Sehr geehrter Direktor Schröder!
Sehr geehrte Frau Hoberg!
Meine Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, heute eine Ausstellung zu eröffnen, die in der Zusammenarbeit zwischen dem Lenbachhaus München und der Wiener Albertina entstanden ist.

Diese deutsch-österreichische Zusammenarbeit hat ihren symbolischen Beginn schon im Herbst 1911 genommen.

Franz Marc und Wassily Kandinsky haben den Namen für ihren Almanach, „Blauer Reiter“ ganz nach Wiener Tradition an einem Kaffeehaustisch im Münchner Sindelsdorf ausgedacht.

Die Positionen und die Geschichten rund um diese Künstlervereinigung spiegeln eine Zeit wieder, in der das fest gefügte Weltbild der Menschen endgültig erschüttert wurde.

Es gab sie nicht mehr – die scheinbare Idylle, die angeblich von Gott gegebene Ordnung der gesellschaftlichen Hierarchie, die Tradition der alten Handwerksberufe, das Leben ausschließlich in kleinen Dorfgemeinschaften.

Wassily Kandinsky hat für die Kunst in Anspruch genommen, dass sie ein Seismograf für neue Entwicklungen sei.

Er hat gesagt: „Die Literatur, Musik und Kunst sind die ersten empfindlichsten Gebiete, wo sich die geistige Wendung bemerkbar macht in realer Form.“

Es mag dieses Seismografische, die Suche nach neuen Wahrheiten ausschlaggebend gewesen sein, dass die beiden Gründer ihre Lieblingsfarbe Blau als Programm wählten, von der Kandinsky einmal sagte: „Zum Schwarzen sinkend, bekommt sie den Beiklang einer nicht menschlichen Trauer."

Bald nach der Gründung der losen Vereinigung, die diese Künstlerinnen und Künstler verband, die alle den „blauen Ritt“ in die Wahrheit versuchten, brach der Erste Weltkrieg aus.

Franz Marc und August Macke fielen im Krieg, Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin mussten Deutschland verlassen.

Der Seismograf war wenige Jahre nach seinem ersten Ausschlagen selbst schon Opfer der Vernichtung. Die neue kriegerische Wahrheit des 20. Jahrhunderts hatte ihren Anfang genommen

Noch ein zweites Mal geriet die Kunst der „Blauen Reiter“ in den vernichtenden Sog der Geschichte, galt sie den Nationalsozialisten doch als – wie sie das nannten – „entartet.“

Es gelang Gabriele Münter, die selbst eine der wichtigsten expressionistischen Malerinnen und Weggefährtin von Wassily Kandinsky war, viele seiner Bilder, aber auch solche von anderen „Blauen Reitern“ zu verstecken.

Sie hat ihre, vor dem Zugriff der Nazis gerettete Sammlung 1957 dem Lenbachhaus überlassen und hat sie damit der Nachwelt und ab heute auch uns zugänglich gemacht.

Meine Damen und Herren, die Ausstellung „Der Blaue Reiter“ ist eröffnet.

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied zur Eröffnung der Ausstellung "Der Blaue Reiter"
Fotocredit: Andreas Tischler

Geändert am 07.02.2011

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