Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied zur
Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2010 am 21. Juli 2010, 10.30 Uhr

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrter Herr Vizekanzler!
Sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung!
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!
Sehr geehrter Herr Festspielpräsident!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Das diesjährige Motto der Bregenzer Festspiele „In der Fremde“ weist uns ganz unmittelbar auf das Schicksal von Menschen hin, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, die verfolgt werden.

Vertriebene und Geflüchtete leben auch in Österreich.

Es ist unsere Aufgabe, meine sehr geehrten Damen und Herren, uns dringend und nachhaltig mit der Frage auseinanderzusetzen, wie wir mit diesen Menschen umgehen, wie wir sie empfangen und wie wir ihnen helfen.

Österreich hat sich in den letzten 65 Jahren dank einer aktiven Neutralitätspolitik zu einem friedlichen und wohlhabenden Land entwickelt.

Darauf können wir stolz sein.

Manche unter uns gewinnen aber daraus nicht jene Sicherheit, die angebracht wäre, um mit dem anderen, mit dem Fremden respektvoll und offen umzugehen.

Von manchen politischen Gruppen in unserem Land wird behauptet, unsere Kultur sei durch Zuwanderung gefährdet und würde verschwinden.

Wenn wir das Eigene hoch schätzen, meine sehr geehrten Damen und Herren, und mit großer Selbstsicherheit unsere Werte leben und vermitteln, brauchen wir nicht zu fürchten, dass Flüchtlinge oder Zuwanderer unsere Identität gefährden, sondern sie bereichern und erweitern.

Wir alle sind Teile einer Gesellschaft, in der jeder Einzelne die Verantwortung für sich selbst und das Gemeinwohl trägt.

Mieczyslaw Weinberg, dem ein wichtiger Teil der diesjährigen Bregenzer Festspiele gewidmet ist – er selbst ist vor dem Nazi-Terror in seinem Land geflüchtet -, hat einmal gesagt: „Viele meiner Werke befassen sich mit dem Thema des Kriegs. Das war leider nicht meine eigene Wahl.“

Weinberg hätte allen Grund gehabt zu verzweifeln, doch er hat den „Mut in seiner Brust“ – in Anspielung auf ein Gedicht von Heinrich Heine - nicht schmelzen lassen.

Er hatte die Courage, unter schwierigen und lebensbedrohenden Verhältnissen Kunst zu schaffen. Er hatte die Courage, sich nicht unterjochen zu lassen.

Die Unrechtssysteme sind verschwunden. Weinbergs mutige Kunst ist geblieben.

Mieczyslaw Weinberg möchte ich den Verunsicherten und Ängstlichen als Vorbild geben.

Die Angst ist bei weitem nicht nur sinnvoller Schutz vor realen Gefahren, sondern verhindert auch Neues, Bereicherndes. Sie macht uns kleinmütig und eng.

Diese „Angst vor der Großzügigkeit“ zu bewältigen, ist die Herausforderung, vor die wir in Österreich heute gestellt sind.

Die Werte, die wir dazu brauchen, hat unsere Gesellschaft in reichem Maße entwickelt. Es gilt nur, sich ihrer zu besinnen: Verantwortung, Respekt, Toleranz - mit Herzlichkeit, Offenheit und Freude gelebt.

Meine Damen und Herren, die Bregenzer Festspiele, setzen auch in diesem Jahr ein Zeichen für Verbundenheit, für Internationalität, für Offenheit gegenüber den Menschen aus aller Welt.

Es ist ein Teil unserer Lebensqualität, dass wir an der Kunst teilnehmen und es ist unsere Aufgabe, diese Möglichkeit vor allem auch der Jugend zu öffnen.

Das Kinder- und Jugendprogramm der Bregenzer Festspiele steht vorbildhaft für diese Begegnung junger Menschen mit der Kunst.

Es ist ein guter Weg, unseren Kindern und Jugendlichen über Kunst und Kultur Selbstbewusstsein zu vermitteln. Das ist eine große Aufgabe der Kulturinstitutionen und der Festspiele.

Die Worte der Kunst bilden die unauflösliche Verbindung der Menschen untereinander. Die Worte der Kunst, die Schule der Wahrnehmung, müssen wir pflegen.

Lassen Sie mich mit einer Zeile von Nelly Sachs schließen, einer deutschen Lyrikerin, die den Holocaust überlebt hat und ihn reflektiert:

„Völker der Erde, zerstöret nicht das Weltall der Worte, zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde."

Ich danke den Verantwortlichen der Bregenzer Festspiele, Ihnen, sehr geehrter Herr Intendant Pountny, für das wunderbare Programm, das sie zusammengestellt haben und für Ihr entschiedenes Bekenntnis zu den Werten einer offenen Kultur.

Geändert am 22.07.2010

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