Ebensee, 8. Mai 2010
(es gilt das gesprochene Wort!)
Geschätzte Überlebende des KZ Ebensee,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
Es erfüllt mich mit großem Schmerz, wenn ich hier an dieser Stelle an die Menschen denke, die in Ebensee und in den anderen Vernichtungslagern des nationalsozialistischen Mordsystems geschunden, gequält, erniedrigt und getötet wurden.
Einige der überlebenden Opfer sind heute unter uns und ich verneige mich vor ihnen mit dem Ausdruck der höchsten Wertschätzung.
Sie als Personen und die Gedenkstätte, an der wir uns befinden, gemahnen an die Losung, die wir seit 65 Jahren immer wieder sagen und nicht müde werden, weiter zu sagen.
Diese Losung heißt: Nie wieder!
Mit aller Entschiedenheit füge ich hinzu, dass ich auf das Tiefste erschüttert war, als ich erfahren habe, dass im vorigen Jahr überlebende Shoah-Opfer von Jugendlichen hier in Ebensee bedroht und verhöhnt wurden.
Ich möchte mich bei Ihnen als private Person und als Mitglied der österreichischen Bundesregierung dafür aufrichtig entschuldigen.
Die Menschen in der Gemeinde Ebensee sind - wie mir vermittelt wird - ebenfalls entsetzt über die Vorfälle.
Wir haben die Zeichen verstanden und bemühen uns intensiv um pädagogische und faktische Maßnahmen, um solche Übergriffe für die Zukunft auszuschließen und die Jugend über die Geschehnisse des Nationalsozialismus noch besser aufzuklären.
Immer wieder flammt die Diskussion auf, ob es nicht an der Zeit wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen.
Ich möchte dazu einige Zeilen vorlesen, die 1945, sechs Monate nach der Befreiung und zwar am 1. November, dem Tag, an dem hierzulande der Toten gedacht wird, in der wieder erscheinenden Arbeiterzeitung zu lesen waren:
Ich zitiere:
„Sollen sie umsonst gestorben sein?
Niemals ist die Mahnung der Toten so sehr zu einer Mahnung an die Lebenden geworden.“
Und weiter: „Die Gaskammern von Auschwitz, die Leichenberge von Belsen, der Foltertod unter den Händen der Gestapo, die Viehwaggons, voll gepfropft mit Erstickenden und Verdurstenden, die zu Leichenwagen, Leichenzügen wurden, all dies gibt dem Grauen unserer Zeit, sein besonderes von Blut und Schmutz des Faschismus triefendes Gesicht.“
Dieser Kommentar mündet in die Worte: „Kampf dem Faschismus, Fluch dem Faschismus.“
Meine Damen und Herren, es war der deutsche Lyriker Novalis, der gesagt hat: „Alle Erinnerung ist Gegenwart.“
Wir dürfen das Grauen unserer Zeit nicht vergessen.
Nein es muss uns Anlass zu konkreter Aufarbeitung, zu einem kollektiven Lernprozess sein.
Der Ruf nach dem „Nie vergessen“ alleine, als bloßer Aufruf an die Moral ist oft schon formuliert worden und ist doch zu wenig.
Die große, die ebenso wichtige Aufgabe besteht darin, jene Mechanismen aufzudecken, die damals aus Bürgern Mörder machten, die eine ganze Gesellschaft – auch wenn es einige, wenige Ausnahmen gab - wie eine Sturzflut in die moralische Blindheit führten.
Was wurde vor 1933 in Deutschland, vor 1938 in Österreich falsch gemacht, dass am Ende ein System der Bestialität entstanden ist und dann auch seine Anhänger, seine Mitläufer und seine Kritiker auf die blutigen Schlachtfelder und viele von ihnen in den Tod führte?
Eine wichtige Erkenntnis besteht darin zu verstehen, dass nichts mehr zu verändern ist, wenn eine überwiegende Zahl von Menschen bereits einen falschen Weg eingeschlagen hat, jenen Irrweg, der ihnen von Verführern gewiesen und als richtig angepriesen wird.
Der Widerstand muss vorher ansetzen, dort wo alles beginnt:
Bei menschenverachtenden Parolen, bei der Ausgrenzung von ganzen Teilen der Gesellschaft, bei der Diskriminierung von religiösen Gruppen und bei der Herabwürdigung von Menschen, die schon bei der Sprache beginnt.
Die Nationalsozialisten haben zuerst Millionen von Individuen zu einer gesichtslosen Masse degradiert.
Sie haben die vielen Juden, die vielen einzelnen Mitbürger zu „dem Juden“ gemacht.
Von da zum Massenmord an dieser vom Menschen zur Gattung herabgewürdigten Gruppe war es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Wenn wir heute ähnliche Formulierungen über andere Gruppen der Gesellschaft hören, müssen wir sofort aufschreien.
Jetzt müssen wir uns wehren, nicht erst dann, wenn es zu spät ist.
Und damit komme ich zum wesentlichen Element, das alleine eine Gesellschaft vor dem Weg in das Unrecht bewahren kann:
Es ist die Zivilcourage.
Es ist der konstruktive, auf die Menschenrechte ausgerichtete Widerstand.
Den Widerstand aber kann keine Macht von oben herbeiführen, keine Ministerin beschließen.
Thomas Woodrow Wilson, der 28. amerikanische Präsident sagte einmal: „ Freiheit hat ihren Ursprung nie in der Regierung gehabt. Sie hat immer von ihren Untertanen gestammt. Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte des Widerstandes. Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte der Begrenzung der Regierungsgewalt, nicht ihrer Vergrößerung.“
Kein Land, meine Damen und Herren, gehört in eine, gehört in eine einzige Hand.
Unsere Gesellschaft gehört allen, die in ihr leben und zu ihrer Entwicklung nach besten Kräften und mit Anstand beitragen.
So wichtig es auch ist, die Erinnerung an das Grauen des Nationalsozialismus nicht versiegen zu lassen, so bedeutsam ist es, die Zivilcourage, die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu einem hohen, zu einem der höchsten Werte der Gesellschaft zu machen.
Unter den schrecklichen Bedingungen des Lagers Ebensee haben mutige Menschen bereits 1944 eine Widerstandsgruppe geformt, die verhindern konnte, dass die Insassen von ihren Peinigern noch knapp vor der Befreiung ermordet wurden.
Heute ist Widerstand gegen das Unrecht, heute ist zivile Courage in keiner Weise von jenen schrecklichen Folgen bedroht, wie damals hier im Lager.
Es gibt keine Ausrede für uns, nicht gegen das Unrecht aufzutreten.
Vom englischen Philosophen Thomas Hobbes stammt der Satz: „Alles Wissen ist Erinnerung.“
Wir wissen, wie alles begonnen hat.
Wir wissen, was darauf folgen kann.
Diese Erinnerung und dieses Wissen müssen uns leiten, neues Unrecht zu verhindern.
Meine Damen und Herren, gedenken wir gemeinsam der Menschen, die hier in Ebensee und anderswo gelitten haben, indem wir das „Nie wieder“ nicht nur als Losung formulieren, sondern es mit Aufklärung, mit Worten, mit den richtigen Taten für eine gute Zukunft absichern.
Geändert am 08.05.2010