1010 Wien, Altes Rathaus, 04.10.2010, 18:00
(es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst danke ich den Organisatoren für die Einladung, und Ihnen sehr herzlich fürs Kommen.
Erlauben Sie mir, diese Gelegenheit für ein paar grundsätzliche, vielleicht sogar provokante Überlegungen zu nutzen, abseits der Tages- und Parteipolitik. Notwendige Überlegungen für die Zukunft der Bildung, des Landes und Europas.
Wie immer bei Überlegungen, die das üblicherweise Erwartbare verlassen: Wir kommen nur im kritischen Dialog weiter. Ich bitte Sie schon jetzt um offene Worte, und freue mich auf die Diskussion mit Ihnen.
Ich beginne mit einem Konfuzius Zitat (aus den ‚Gesprächen’):
‚Ein Volk ohne Erziehung in den
Krieg führen, das heißt, es dem Untergang weihen.’
Liebe Zuhörer, ich nehme zwar an, dass Konfuzius nicht nur, aber auch den realen ‚Krieg’ in seiner Zeit gemeint hat, und auch so gesehen erstaunt er uns zweifellos, zumal er nicht von Ausbildung, sondern explizit von Erziehung spricht.
Aber ich schlage vor, das Wort Krieg durch ‚Herausforderungen’ zu ersetzen. Ein Volk ohne Erziehung in die Herausforderungen führen, das heißt, es dem Untergang weihen. Und auch in diesem Kontext ist das Zitat irritierend und radikal.
Ich zitiere Konfuzius im Zusammenhang mit der neuen chinesischen Kultur- und Bildungsstrategie, weltweit. In den letzten Jahren sind mehr als 300 Konfuzius-Institute auf der ganzen Welt gegründet worden, eine gewaltige Anstrengung.
Das kommunistische China beruft sich auf einen Denker aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, den Vorgänger in der Partei oft geschmäht haben, und der gleichzeitig oft als grundlegender Denker für den gesamten asiatischen Raum bezeichnet wird.
China hat sich auf den Weg gemacht, mit einer Wucht, einem Tempo und einer Tiefe, die uns im sogenannten Westen noch lange beschäftigen wird. Es hat nicht nur Japan vom zweiten Platz der Welt-Ökonomien verdrängt, China beginnt auch, sich selbstbewußt aufzustellen, auch kulturell, als Gleicher unter Gleichen. China betreibt zum Beispiel heute mehr als 2300 Hochschulen und Universitäten.
Österreich ist zwar eines der relativ reichsten Länder der Welt, jedenfalls Europas, aber seine Bevölkerung stellt gerade mal eineinhalb Prozent der EU Bevölkerung (Niederösterreich noch einmal weniger: ein Achtel von eineinhalb Prozent, um die Dimensionen zurechtzurücken).
Die Bevölkerung der EU stellt ein Drittel der Bevölkerung Chinas dar.
Es bedarf nicht nur der Zahlen, sondern auch der Würdigung des neuen chinesischen Auftretens, inklusive Konfuzianismus, um die Zukunftsaufgaben zu ermessen.
Und China ist nur einer der ganz großen Neuen auf der Weltbühne.
Wir sehen, wir sind hier mitten in einem historischen Thriller, dessen Ausgang wir nicht kennen. ‚Small is beautiful’ ist da beileibe keine ausreichende Antwort.
Ebenso bleibt der bloße Hinweis auf die Bedeutung der Wettbewerbsfähigkeit und der Bildung bloßes Wortgeklingel, wenn wir nicht beginnen, sehr genau die Konsequenzen durchzudenken, und gewissermaßen radikaler handeln.
Tsvetan Todorov, einer der ganz großen Denker Europas, Bulgare in Frankreich, unterscheidet in seinem jüngsten Buch ‚Die Angst vor den Barbaren’ Länder nach vorherrschenden Grundstimmungen: z.B. die mit dem Aufholwillen, oder etwa die wo das Ressentiment vorherrscht, oder wo die Angst weit verbreitet; ‚Das sind die Länder des Westens’, meint er, und beschreibt luzid, wie sich das im einzelnen zeigt.
Wie gut, könnte man da sagen, dass die jüngste Shell Jugendstudie durchaus zu anderen Ergebnissen kommt, nämlich eine erstaunliche Zuversicht und einen starken Willen unter dem Löwenanteil der Jugend dokumentiert, es zu schaffen...
Vielleicht ist es ja in der Tat so, dass der Westen von einer populistischen Politik der Angst, politics of fear,
geprägt war, und die nächste Generation nun genug hat davon.
Auf diese Generation müssen wir bauen, sie
müssen wir fördern, und fordern. ‚Da die Angst zu einer Gefahr für diejenigen werden kann, die sie empfinden, darf man
nicht zulassen, dass sie beherrschend wird.’, sagt Todorov.
Das gilt für die interkulturelle Debatte, das gilt für die Globalisierung, für Umwelt und Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit und für Europa und die EU.
Klar ist, allein schaffen wir es nicht, auf unserem Donaudampfer; und klar ist, wir haben gemeinsam ein Schiff gebaut, das viel, viel besser geeignet ist, die Weltmeere zu befahren: die EU.
Ein Haus für alle, das nicht nur den Stürmen besser standhalten kann, sondern das den Talenten Raum gibt. Ein sicherer Raum, ‚safe for diversity’, wie Kennedy gesagt hat, und ein schöner, und meist gerechterer als in anderen Weltgegenden. Eine Errungenschaft, um die uns sehr viele auf der ganzen Welt beneiden.
Für große Teile unserer Jugend ist globale Verantwortung schon längst ein absolutes Muß, und sie sehen die EU genau in dieser historischen Schneise.
Klar ist, es wird um Wettbewerb gehen. Nicht nur mehr und mehr Industriearbeitsplätze werden weiterhin in Niedriglohnländer ‚abwandern’.
Es ist natürlich klar, dass Bildung, Kreativität und Innovation das ‚Neue Wirtschaften’ grundlegen muß. Aber auch das ist nicht mehr so selbstverständlich. Die Konkurrenz wird auch hier schärfer. Mittelmaß wird nicht reichen, und so viele auf dem Weg zu Bildungszielen zu verlieren, wie bisher, und so früh, mit 10, ‚sortieren’, schon gar nicht!
Eine der brennendsten Fragen heute ist, ob Konkurrenz, Ausbildung und Erziehung allein die Antwort sein kann: Ich behaupte nein. So wichtig Wettbewerb bleiben wird, so wichtig ist es in der Welt von heute, allen gemeinsame Interessen zu sichern, Güter zu schützen, die für das Leben und Überleben aller essentiell sind:
Und:
Dass es keinen neuen schrecklichen Krieg gibt, als Ergebnis von globalem Wettkampf und
erbitterter Verteidigung von nationalen Interessen.
Das mag gewagt klingen, aber bald jährt sich das Sarajewo von 1914, der beginn der großen Kriege des 20. Jahrhunderts.
Um auf Konfuzius zurückzukommen: ohne die Erziehung der Menschen gegen den Krieg weihen wir viele dem Untergang.
Klar ist daher auch, dass die EU das historische Laboratorium ist für Miteinander statt tödlichem Gegeneinander: Die EU als das historisch einzigartige gelungene Experiment von freiwilliger Abgabe von Souveränitätsrechten zugunsten des gemeinsamen Vorteils.
Auch das muß gesagt werden, muß wieder zum Zentrum von Erziehung und Bildung werden.
Es geht
darum, neben der employability und der competiveness in der Bildung einen neuen europäischen und interkulturellen
Humanismus grundzulegen, zu vertiefen, und zu leben.
Chinesische Denker und Politiker werfen dem alten europäischen Humanismus vor, dass er ruiniert wurde von der Fixierung auf das bloße Interesse des Individuums, zulasten der Gemeinschaft, des Kollektivs.
Chinesischer Humanismus, auf Konfuzius gegründet, sei dagegen auf die richtige Balance aus, gebe dem Gemeinsamen, der Gemeinschaft den richtigen Platz.
Die selbstbezogenen Eigeninteressen von einigen sind in der Tat längst aus dem Ruder gelaufen, und haben das
System fast in Brand gesteckt, und das Löschwasser muß – wieder mal - von den Schwächeren aufgebracht werden.
Und:
In der Tat, der ‚Westen’ hat der Welt (und China) für Jahrhunderte die Regeln
diktiert. Dies hat sich geändert. Wird sich ändern.
Eurozentrismus geht nicht mehr. Widerspricht auch
dem Ethos der Europäischen Gemeinschaft.
Zum europäischen Bildungsideal heute gehört mit Sicherheit das, was die Angelsachsen ‚negotiating difference’
nennen: wir könnten sagen: die dialogische Suche nach dem interkulturellen Humanismus.
Das heißt auch:
die jungen Menschen, und wir alle im lebenslangen Lernen, müssen lernen, nicht nur noch mehr zu lernen, und besser zu
lernen, sondern neu zu lernen, gemeinsam zu lernen. Wettbewerb und Empathie (wie Jeremy Rifkin nicht müde wird zu
betonen) müssen in Zukunft zusammengehen, noch viel expliziter zusammen gelernt werden; es gibt kein entweder oder und
kein Drittes.
Klar ist daher auch, dass wir nicht nur Politik - einschließlich Bildungspolitik - immer mehr global, und vor allem europäisch ausrichten UND organisieren müssen, sondern auch neue Inhalte vermitteln müssen:
Das gemeinsame Interesse und das wohlverstandene Eigeninteresse müssen versöhnt werden. Etwas Schweres, aber Lohnendes, immer schon; mittlerweile aber etwas, das überlebensnotwendig wird.
Die EU kann dazu ein Modell sein. Deshalb ist es so wichtig, nicht nur von der EU Dinge zu erwarten, sondern sie zum Bezugsrahmen unseres Lernens und auch Lebens zu machen. Die globalen Herausforderungen sind riesig, und bedürfen der Vorbereitung auf allen Ebenen, der Ausbildung, und der Erziehung, wie Konfuzius sagt, mehr denn je.
Leider sind wir alle, und wir alle sind die EU!, oft viel zu langsam, und zögerlich, um diese Konsequenzen zu ziehen. Bildungspolitik auf EU Ebene – ist noch mühsam. Warum? Weil wir, wir Nationalstaaten, das so eingerichtet haben.
Wir haben uns selbst noch manchmal Fesseln angelegt, die durchaus dysfunktional werden können, in einigen Bereichen schon sind.
Es wird noch lange unterschiedliche Bildungssysteme geben, die praktische Arbeit am Vergleichen und Durchlässigmachen, an der Kooperation sind aber schon ein Schritt in die richtige Richtung. Die ‚offene Methode der Koordination’ hat hier schon wichtige Beiträge geleistet:
in Kernziel der 2020 Strategie ist es, bis 2020 die Schulabbrecherquote europaweit auf max. 10% zu senken und den Anteil der Personen mit Hochschul- oder vergleichbarem Abschluss auf min. 40% anzuheben. Erstmals verpflichten sich die EU-Mitgliedstaaten, auch ein nationales Ziel zu erreichen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Die chinesische Lehre von der Balance wird uns in Europa, und in Österreich noch ziemlich beschäftigen. Ich weiß
schon jetzt, dass der Weg ruppig wird, aber es lohnt.
In diesem Sinne ermutige ich Sie auch, wie
gesagt, zu offener Diskussion und Kritik. Was wir brauchen sind diese ‚collective conversations’.
Zum Abschluß noch ein paar Worte von Konfuzius:
‚Dsi Hia war Beamter von Gü Fu und fragte nach
der rechten Art der Regierung. Der Meister sprach: ‚Man darf keine raschen Erfolge wünschen und darf nicht auf kleine
Vorteile sehen. Wenn man rasche Erfolge wünscht, so erreicht man nichts Gründliches. Wenn man auf kleine Vorteile aus
ist, so bringt man kein großes Werk zustande.’
Das scheint nicht nur weise für uns in Österreich, sondern wohl auch im China von heute: Denn:
Der Meister sprach: ‚Wie zahlreich ist das Volk!’ Yan Yu fragte: ‚Wenn es so zahlreich ist, was könnte
man noch hinzufügen?’ Der Meister sprach: ‚Es wohlhabend machen.’ Yan Yu: ‚Und wenn es wohlhabend ist, was kann man
noch hinzufügen?’ Der Meister sprach: ‚Es bilden.’
Geändert am 04.10.2010