Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 1. April 2011
(es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrter Herr Gouverneur,
meine sehr geehrten Damen und Herren!
Vielen Dank, sehr geehrter Herr Gouverneur, für die Einladung zu Ihrem Symposium, die ich besonders gerne angenommen habe, zumal es sich um eine Premiere handelt und mir die Themen Wirtschaft und Bildung am Herzen liegen. Die Initiative Finanzwissen wendet sich explizit auch an Schulen. Ich freue mich, dass dieser Erfahrungsaustausch in der Österreichischen Nationalbank ermöglicht wird, und wir wirksame Strategien für künftige bildungspolitische Maßnahmen gemeinsam diskutieren. An dieser Stelle spreche ich der Österreichischen Nationalbank meinen Dank für die gute Zusammenarbeit im Bildungsbereich aus. Erwähnen möchte ich vor allem das Geldmuseum, das Unterrichtspaket „Geld und Geldpolitik“, den Euro Bus, er informiert Volksschulkinder über die Funktion des Geldes und die OeNB-Themenblätter, wie zum Beispiel „Wirtschaft und Finanzen“.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Gerade vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise ist die Frage der Vermittlung von Finanzwissen ein populäres Thema. Es geht aber um mehr als um Wissensvermittlung, es geht um Vertrauen und Urteilskraft. Und um es gleich vorweg zu nehmen, mit der Einführung eines zusätzlichen Unterrichtsfaches können wir künftige Finanzkrisen nicht verhindert! Da müssen wir in den Analysen und in den Maßnahmen schon tiefer gehen.
Ich möchte Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, einige Gedanken zum Thema „Finanzkrise“ darlegen. Es sind dies Gedanken, kein fertiges Konzept, keine abschließende Beurteilung. Ich sehe die Finanzkrise auch als eine Krise der Kultur und unserer Werte. Die Logik eines Teilsystems der Ökonomie hat zusehends das Ganze dominiert. Ursache und Wirkung haben sich in einer Weise voneinander entfernt, dass die Verantwortung des einzelnen Entscheidungsträgers in einen hohen Abstraktionsgrad „entwichen“ ist. Die Realwirtschaft, die Welt der Haushalte, der Unternehmen und der Beschäftigten ist dadurch zu Schaden gekommen. Die Krisenbewältigungsprogramme und Rettungsschirme bringen die öffentlichen Haushalte an die Grenze des Leistbaren und führen in den Nationalstaaten zu heftigen innenpolitischen Debatten und nach den nächsten Wahlen möglicherweise auch zu anderen regierungspolitischen Mehrheiten. Die Bürgerinnen und Bürger erleben sich als Betroffenen eines Finanzsystems, das grundlegend reformiert werden muss.
Gleichzeitig erleben wir eine unerwartete und in dieser Form nicht geplante Renaissance der öffentlichen Hand, der „res publica“. Die Rolle des Staates muss neu geschrieben werden, will er nicht in die passive Rolle einer „Auffanggesellschaft“ nach dem Muster „Gewinne privatisieren, Verluste vergesellschaften“ gedrängt bleiben. Wenn in der Unternehmenswelt „Corporate Governance“ das Thema ist, dann ist es hoch an der Zeit, dass der Staat sich, dass wir uns der Aufgabe „Public Governance“ zuwenden. Ich sage ganz bewusst „der Staat“, und meine die bundesstaatliche Ebene, die gerade dabei ist - zwischen einem sich in Feudalgesinnung gebärdenden Föderalismus und einer sich angesichts der Finanzkrise stärker behauptenden Ebene der Europäischen Union – wichtige Handlungs- und Finanzspielräume einzubüßen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Wir brauchen ein Umdenken auf der politisch-ökonomischen Ebene. Neben der Optimierung der Mikroebene, der Unternehmensebene, der Ebene der Banken, müssen wir wieder viel stärker die Entwicklung des Gesamtsystems vor Augen haben. Das braucht einen leistungsfähigen Staat, der die gemeinsamen Anliegen auf demokratischer Basis aushandelt und vertritt. Das erfordert einen Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung von Entwicklungen und einen um das Gemeinwohl erweiterten Begriff der Verantwortung.
Ich darf an dieser Stelle Arno Gruen, Psychoanalytiker, aus seinem Buch „Der Fremde in uns“ zitieren: „Die Basis unserer Hochkultur ist das Bestreben, die Welt im Griff zu haben, zu besitzen, zu beherrschen. Begünstigt wird dieser Prozess durch Gehorsam und innere Entfremdung. Macht und Besitz wird über alles gestellt. Größe an sich wird als Wert dargestellt. Die Höhe des Profits wird zum übergeordneten Wert, der alles relativiert.“
Arno Gruen setzt sich in seinem Buch eindrucksvoll mit der Thematik „Identität“ versus „Identifikation“ auseinander. Entscheidend für demokratische Gesellschaften ist die emotionale Reife der Bürgerinnen und Bürger. Es ist wichtig die eigene Identität, die eigene Stärke und persönliche Anteilnahme zu entwickeln. Das ist das wirksamste Mittel, um die Identifikation mit Autoritätspersonen und Fremdbestimmung zu vermeiden.
Mehr denn je brauchen wir gerade auch vor dem Hintergrund der Finanz- und Umweltkrisen Menschen, die sich für den Inhalt ihrer Handlungen verantwortlich fühlen und nicht nur für die gute Ausführung von Handlungen. Diese Persönlichkeitsbildung hängt eng mit der Erziehung und Bildung junger Menschen zusammen. Das Verantwortungsgefühl beginnt im Kinderzimmer. Junge Menschen brauchen Erlebnisräume, sie brauchen Erfahrungen mit Erzählungen, Malerei, Büchern, Tieren und Pflanzen. Das innere der jungen Menschen muss angeregt werden, damit das Eigene eines Menschen zu seinem Selbst wird. Aufgabe der Bildung ist es, Menschen zu ihren wahren Möglichkeiten zu führen, zur „höchstmöglichen Wirklichkeit“, um mit dem Wissenschafter Claus Otto Scharmer zu sprechen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Es geht also in der Bildung um mehr als um das Vermitteln von Fachwissen, etwa über die Finanzmärkte. Identität, Selbstwertgefühl, persönliche Willensbildung und Urteilskraft sind genauso wichtig. Die Schule hat in diesem Entwicklungsprozess eine wichtige Aufgabe. Die Lehrer und Lehrerinnen sind Vorbilder für ihre Schüler und Schülerinnen. Es ist daher wichtig, die Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Arbeit zu stärken, damit sie diese gut bewältigen können. Zwei Großprojekte der Regierung sollen vor allem auch in diese Richtung wirken: die neue Lehrerbildung und das neue Dienst- und Besoldungsrecht. Die Profession der Lehrer und Lehrerinnen braucht eine Aufwertung, das beginnt in der Ausbildung und setzt sich in einem leistungsorientierten Dienst- und Besoldungsrecht fort, das Fachkarrieren eröffnet, sich international sehen lassen kann und die Übernahme von Zusatzaufgaben und Verantwortung honoriert. Mehr Ganztagsschule, Ausbau der Neuen Mittelschule, leistungsförderndes Kurssystem in der Oberstufe, Bildungsstandards und Neue Matura sind aktuelle bildungspolitische Projekte, die die Qualität und das Angebot der öffentlichen Schulen in Österreich verbessern werden.
Nun zum Thema Wirtschafts- und Finanzwissen sowie Verbraucherbildung. Alle diese Themen sind in den Lehrplänen enthalten. Es beginnt schon in der Volksschule etwa mit dem Thema „Wirtschaften in der Familie“, in den Hauptschule und den Allgemeinbildenden Höheren Schulen ist Anknüpfungspunkt vor allem das Fach „Geographie und Wirtschaftskunde“, darüber hinaus können die Allgemeinbildenden Höheren Schulen den schulautonomen Schwerpunkt „Wirtschaftskunde“ anbieten. Im Berufsbildenden Schulwesen gibt es die einschlägigen Lehrberufe Bankkaufmann, Finanzdienstleistungskaufmann und Versicherungskaufmann. Als Unterrichtsfächer finden sich in den Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen zum Beispiel Betriebswirtschaft, Rechnungswesen, Volkswirtschaft und Finanzmanagement. Das Berufsbildende Schulwesen genießt weit über die Grenzen Österreichs hinaus einen erstklassigen Ruf. Hinweisen möchte ich auf die Bedeutung der Berufspraktika. Es ist wichtig, dass die jungen Menschen gerade ich bei ihren Berufspraktika persönlich betreut werden und sich ein eigenes Bild von der Welt der Unternehmen machen können.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Zum Abschluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass der Erwerb von Fachwissen mit Persönlichkeitsbildung, Kritikfähigkeit und Urteilsvermögen verbunden sein muss. Das ist unser großer bildungspolitischer Auftrag. Ich wünsche Ihnen ein interessantes Symposium und freue mich auf Anregungen und Gedanken aus Ihrem Kreis.
Geändert am 09.05.2011