Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 23. November 2011

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Von Fischen, Vögeln und Reptilien - Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen"

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Liebe Frau Generaldirektorin Johanna Rachinger!
Sehr geehrte Kuratorin Mag. Christina Weiler!
Sehr geehrter Herr Dr. Helmut Pechlaner!
Meine Damen und Herren!

Die Österreichische Nationalbibliothek öffnet auf ihre Weise einer Naturgeschichte der besonderen Art ihre Tore.

Sie zeigt in ihrer Winterausstellung Werke aus dem 16. und 17. Jahrhundert von verblüffend lebensnaher Darstellung. Diese Illustrationen und Aquarelle belegen die großen handwerklichen Fähigkeiten der Künstler, die vor allem am Hof Rudolfs II. tätig waren.

Sie sind damit auch Zeugnisse einer früheren Vorstellung der Welt. Sie geben Einblick in Denkweisen, die auf der einen Seite modern und heutig wirken, auf der anderen Seite als phantasievolle Interpretation von Mythen und Irrglauben in Form etwa von Drachen und Einhörnern auftreten.

Es ist bemerkenswert, wie sich in den Darstellungen der hier gezeigten Tierwelt Elemente von Wissen und von Kunst „systemübergreifend“ vereinen.

Der Anspruch, die große weite Welt zu erfassen, zu katalogisieren und damit in die eigene Lebenswelt herein zu holen, und die künstlerische Ausdrucksweise dokumentieren forschendes Interesse und Liebe zur Ästhetik in gleichem Maße.

Der als politisch schwacher Kaiser in Erinnerung gebliebene Rudolf II hat sich hier und in anderen Häusern, wie etwa dem Kunsthistorischen Museum, ein kräftiges Andenken geschaffen und Darstellungen einer dynamischen Umbruchszeit hinterlassen.

Der neue Zug der Zeit, der mit dem Buchdruck, dem heliozentrische Weltbild und dem Rütteln an den Kirchentoren entstanden ist, um nur Einiges exemplarisch zu nennen, lässt sich in den Bildern dieser Ausstellung erahnen.

Was wir davon mitnehmen können, ist das Interesse für eine Welt außerhalb unserer Grenzen, ist die Zuwendung zum Rationalen ebenso wie zum Schönen.

Der Maler Franz Marc kritisierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingefahrene Kunstwege, als er sagte: „Wie armselig seelenlos ist unsere Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die unseren Augen zugehört, statt uns in die Seele des Tieres zu versetzen, um dessen Bilderkreis zu erraten.“

In den Meisterwerken, die uns die Österreichische Nationalbibliothek hier zeigt, ist ganz im Gegenteil die Seele der Tiere und das Wesen der Zeit auf das Beste dokumentiert.

Ich eröffne mit Freude diese Ausstellung und wünsche ihr viele interessierte Besucherinnen und Besucher.

Geändert am 28.11.2011

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