(Es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrte Damen und Herren,
was soll man sagen, was kann man sagen an einem Ort, an dem man schweigen möchte? Schweigen, und der Menschen gedenken, die hier ermordet wurden. Trauern um sie, denen Würde, Menschsein, Leben genommen wurde. Was kann man sagen an einem Ort, an dem ein Feuer zwei Jahre hindurch (Anm.:1940/1941) Tag und Nacht brannte, um die letzten Überreste der Opfer zu vernichten?
Das Gedenken, das Nachdenken über das Unfassbare, das doch Werk von Menschen war, muss zur Frage führen: Wie war all das möglich? Wie konnte es sein, dass an einem Ort der Hochkultur, in einem eleganten Renaissance-Bau in einem mitteleuropäischen Land Tötungsakte gesetzt wurden, wie sie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte in solcher Grausamkeit und Gefühlskälte vorgekommen sind? Was hat dazu geführt, dass bei so Vielen Barbarei und Mordrausch alle menschlichen Regungen, alle durch Jahrhunderte gepflegten, christlichen Werte verdrängt haben? Wie konnten Menschen anderen Menschen so viel Leid antun?
Und wir sollten in diesem Reflektieren auch jener gedenken, die widerstanden haben und damit ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Sie waren der Lichtstrahl der Hoffnung in einer entmenschten Gesellschaft und sie sind der Lichtstrahl der Hoffnung bis heute – der Hoffnung, dass die guten Kräfte am Ende obsiegen. Es war der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, der mit seinen mutigen Predigten, die von katholischen Widerstandsgruppen verbreitet wurden, dazu beigetragen hat, dass die so genannte Aktion T4, die industrielle Tötung von geistig und körperlich behinderten Menschen eingestellt wurde. Es waren Kämpfer aus der Grazer KP-Gruppe um den später hingerichteten Architekten Herbert Eichholzer, die auf Flugblättern über den Massenmord aufklärten. Und es war eine Gruppe von Katholiken aus Österreich, die offen gegen die NS-Euthanasie auftrat. Es waren wenige, die voll Mut kämpften, aber es gab sie und wir gedenken ihrer mit höchstem Respekt.
Der Berliner Statistiker, dem die täglich in Hartheim ermordeten Menschen zu melden waren und der allein für die Zeit zwischen dem Mai 1940 und dem August 1941die Zahl von 18.269 Ermordeten aufsummierte, sagte nach dem Krieg: „Ich bekam lediglich das Zahlenmaterial und sonst nichts.“ Bis 1945 sind es dann mehr als 30.000 Menschen geworden, die hier ermordet wurden und nur mehr als Zahlen in Kolonnen von Bürokraten existierten. Die Menschen wurden herabgewürdigt zu Zahlenmaterial einer vollkommen in die Irre geführten Gesellschaft, einer Gesellschaft, die das Greifbare nicht begreifen, das Gesagte und Geschriebene so lange nicht glauben wollte, bis es zu spät war. Wir sind heute hier, um der zu Zahlen Entwürdigten wieder als Menschen zu gedenken, als unseren Mitbürgerinnen und Mitbürger, als Opfer eines entseelten Systems. Man möchte schweigen angesichts des unfassbaren Grauens, aber man muss reden, um der Sinnlosigkeit einen späten Sinn, um den Parolen des Hasses eine Botschaft des Friedens entgegen zu setzen.
Es war eine primitiv-ökonomische, sozialdarwinistische Maschinerie, die in Hartheim wütete. Das Primat eines vom
Menschen abgetrennten Wirtschaftssystems, das nach Nützlichkeit für einen abstrakten Staat maß, nach bloßer
Leistungsfähigkeit, nach rechnerischer Effizienz für die Volkswirtschaft. Schon in den Jahren vor dem Hitlerfaschismus
hatten sich diese Formen des Denkens ausgebreitet. Die menschliche Gesellschaft wurde von Rassetheoretikern mit dem
Tierreich gleich gesetzt, in dem ausschließlich das Recht des körperlich Stärkeren gilt. In einem deutschen Buch über
Volksgesundheit aus 1936 schreibt der Autor, ein Arzt: „ Gesundheit ist nicht nur das Freisein des Körpers von
Krankheiten, sondern die Höchstleistung des Einzelnen im Hinblick auf Volk und Staat.“ Und in weiterer Folge: „So ist
die erste Forderung der Rassenhygiene die Verhinderung der Fortpflanzung Minderwertiger durch operative Vernichtung
ihrer Zeugungsfähigkeit oder durch Unterbringung in geschlossenen Anstalten.“
Solche Positionen konnte
man lange vor Hartheim schon lesen und bewerten, wenn man nur gewollt hätte. Wer so argumentiert, auch das ist evident,
grenzt Menschen mit Behinderungen aus, und dann auch solche, die anders ausschauen, dann solche, die anders reden,
alles Fremde, und auch alles Widerständige. Am Ende steht Hartheim, stehen die anderen Vernichtungslager, wo die
Ausgegrenzten und Unliebsamen gequält und ermordet wurden.
Es ist wichtig zu lernen, dass aus einer Gesellschaftstheorie mehr werden kann, als bloß trockener Stoff in Lehrbüchern. Begriffe, wie „Minderwertige“ für Menschen mit Behinderungen oder „unnütze Esser“ oder „Ballastexistenzen“ mögen vor 1933 in Deutschland und 1938 in Österreich so manchem als bloß überzogen erschienen sein. Dass mit ihnen bereits die Tötungsmaschinerie untergezündet wurde, war damals vermutlich den Meisten nicht klar.
Heute jedoch wissen wir über den Zusammenhang zwischen vernichtenden Worten und vernichtenden Taten mehr als Bescheid. Heute müssen wir uns rechtzeitig gegen alle jene wehren, die mit Worten auf Andersdenkende, anders Aussehende, auf politische Gegner einprügeln. Und wenn sie auf Kritik an ihren verbalen Übergriffen antworten, sie hätten es doch so nicht gemeint, müssen wir das weder glauben, noch akzeptieren. Angesichts der Geschichte, wie sie uns hier in Hartheim, und in anderen Vernichtungslagern auch entgegentritt, muss jeder verantwortungsbewusste Mensch, jeder Demokrat mit seinen Worten sorgsam umgehen. Weil wir Menschen miteinander sorgsam umgehen müssen, damit es nie wieder zu einem solchen Töten kommt, in diesem, unserem Land.
Wir müssen lernen, dass es in der menschlichen Gesellschaft nur ein Primat geben darf: die Menschen sind das Maß und nicht abstrakte Systeme, die ihre eigene Logik entwickeln. Diese Botschaft tragen wir als Wissen aus der Vergangenheit mit uns, als ein Wissen, die uns die Chance eröffnet, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Daraus leitet sich ab, dass wir alle Systeme der Gesellschaft, sei es die Wirtschaft, die Kultur, die Bildung, das Sozialwesen darauf abklopfen müssen, ob sie ihrem ursprünglichen, demokratischen Auftrag noch folgen, der da lautet, für alle Menschen gleichermaßen zu sorgen und keinen auszugrenzen oder zu diskriminieren. Der Mensch ist das Maß aller Dinge, dafür müssen wir eintreten.
Als Bildungsministerin rufe ich in diesem Sinn allen Lehrerinnen und Lehrern zu: Schaffen Sie Bewusstsein bei unseren Kindern und Jugendlichen dafür, wie wichtig es ist, sich autonome Positionen zu erarbeiten, damit sie nicht den Verführern mit ihren einfachen, allzu griffigen Parolen auf den Leim gehen. Wir brauchen eine Jugend mit Mut zum eigenen Denken und auch zum Widerstand, dort wo Fehlentwicklungen die menschliche Gesellschaft in Frage stellen. Sagen Sie den jungen Menschen, dass es keine einfache Welt ist, in der wir leben, und dass sie sich hüten sollen, vor denen, die ihnen simple Lösungen für eine komplexe Welt anbieten. Sagen Sie ihnen, dass sie selbst für sich verantwortlich sind und diese Verantwortung nicht delegieren können. Sagen Sie ihnen, dass sie darüber hinaus, wie jeder von uns, für ihre Mitmenschen, für alle ihre Mitmenschen ein Stück Verantwortung tragen.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim“ halten pädagogische Angebote für Schulen bereit, und ich empfehle Lehrerinnen und Lehrern ausdrücklich, mit Kindern und Jugendlichen hierher zu kommen, um diese Angebote als Teil der schulischen Ausbildung zu nutzen. Hier werden die Kleinsten auf spielerische Art mit dem „Wert des Lebens“ vertraut gemacht, gehen die Größeren auf Spurensuche durch die Ausstellung, lernen Oberstufenschülerinnen und –schüler über die Macht der Sprache, und werden mit aktuellen Fragen von Euthanasie und Klonbabies konfrontiert.
Ich möchte allen hier Beschäftigen ausdrücklich für ihr Engagement danken. Ohne ihre Arbeit wäre das Gedenken nicht möglich, nicht das Lernen aus der Vergangenheit, nicht die Trauer um die Opfer, nicht das Schweigen und nicht das Reden.
Meine Damen und Herren, ich möchte zum Abschluss Worte des großen österreichischen Lyrikers Erich Fried (*) zitieren:
„Was mich mutlos macht ist,
dass es so schwer ist zu sehen,
wohin ein Weg geht
zum Recht und zur sicheren Zukunft.
Aber was mir dann wieder Mut macht ist,
das es so
leicht ist zu sehen, wo Unrecht geschieht und das Unrecht zu hassen.
Und auch wenn es nicht leicht ist,
gegen das Unrecht zu kämpfen,
so verliert man dabei doch nicht so leicht seine Richtung,
denn das Unrecht leuchtet so grell und verbreitet so starken Geruch,
dass keiner die
Spur des Unrechts verlieren muss.
Wenn der Weg zum Recht und zur Zukunft dunkel ist und verborgen,
dann halte ich mich an das Unrecht.
Das liegt sichtbar mitten im Weg und vielleicht,
wenn ich noch da bin, nach meinem Kampf mit dem Unrecht,
werde ich dann ein Stück vom
Weg zum Recht erkennen.“
Meine Damen und Herren, ich gedenke gemeinsam mit Ihnen in Trauer der Ermordeten von Hartheim, und ich danke als Repräsentantin der Republik Österreich jenen, die dem Morden ihren Widerstand entgegengesetzt haben. An ihnen, an den Mutigen wollen wir uns ein Vorbild nehmen, damit es uns gemeinsam gelingt, stets auf dem Weg zum Recht zu bleiben.
Geändert am 05.05.2008