Wien, Belvedere, Orangerie, 22.06.2010
(es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrte Frau Direktorin Agnes Husslein-Arco!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Als wir im Dezember 2009 von Alfred Hrdlicka Abschied nehmen mussten, habe ich seine eigenen Worte in Erinnerung gerufen. Es stimme ihn heiter, hatte er einmal gesagt, dass sich die Kunst nicht zerstören ließe.
Damals verband ich das mit der Aussage – und heute hat es Agnes Husslein mit der Programmierung dieser Ausstellung unter Beweis gestellt – dass sich Alfred Hrdlickas Kunst nicht zerstören lässt, dass sie dort steht, wo sie hingehört: im öffentlichen Raum, auf den Plätzen dieser Welt.
Und jetzt steht sie darüber hinaus – dankenswerter Weise – für die Dauer dieser wichtigen Ausstellung im Belvedere.
Das Motto "Schonungslos" deutet darauf hin, dass Hrdlicka uns nie vor den Bildern verschont hat, die wir gerne ausblenden wollen: Bilder von Not, Elend, Intoleranz, tollwütig ihre Macht ausübenden politischen Systemen.
Es ist zumeist das Gefühl von Ohnmacht vor den herrschenden Verhältnissen, das Wegschauen, das ausblenden lässt.
Aber erst das kollektive Bewusstsein der Ohnmacht schafft diese tatsächlich und überlässt das Feld den Unterdrückern.
Alfred Hrdlicka hat nie aufgehört zu kämpfen. Er ist auch gegen sich selbst schonungslos vorgegangen, hat den
Kampf mit den Steinen geführt und gegen die Ungerechtigkeit.
Er hat ganz nach Goethes Wort gehandelt:
"Dieser ist ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein."
Österreich hat eine große Tradition in einer Bildhauerei, die sich der drängenden Themen der Gesellschaft annimmt. Hrdlickas Lehrer, Fritz Wotruba, selbst aus einfachen Verhältnissen, hat seine Skulpturen dem Menschen bis hin zur menschlichen Kathedrale gewidmet.
Hrdlicka, ebenfalls aus dem Arbeitermilieu, früh schon politisiert, hat dieses Werk fortgesetzt und ihm das Element der "Ästhetik des Widerstands" hinzugefügt.
Seine Aufmerksamkeit galt den Aufmüpfigen, aber auch den Schwachen, Verfolgten, wie dem Juden, der vor einer grölenden Menschenmenge die Straßen Wiens waschen musste.
Hrdlicka hat sie aus ihrem Märtyrertod herausgeholt und ihrem Opfer einen Sinn gegeben, weil sie als Mahnung stehen und als Forderung, mutig gegen Unrecht aufzutreten.
Ich freue mich über die Ankündigung, dass für die von der BAWAG an das Belvedere übergebene Skulptur Alfred Hrdlickas "Johannes der Täufer" auf den Außenflächen des 20er Hauses ein besonderer Platz vorgesehen ist.
Auch die Figur des Johannes symbolisiert das Thema des Künstlers auf besondere Weise.
Johannes, ein Mann des Ausgleichs wurde von Herodes getötet, weil dieser die friedliche Kraft fürchtete. Die Brutalität der Diktatoren und die Gewalt, mit der uns Hrdlicka schonungslos konfrontiert hat, münden immer in einer Hoffnung. Johannes der Täufer ist im kollektiven Bewusstsein von Christen, Juden und Moslems geblieben – als ein mutiger Mann des Friedens. Seine Botschaft hat sich nicht töten lassen.
Alfred Hrdlicka, der große Mann des Widerstands, den die unbedingte Sehnsucht nach Gerechtigkeit angetrieben hat, wird mit der Ausstellung "Schonungslos" in angemessener Weise gewürdigt. Als einer, der sein Vermächtnis machtvoll in Stein gehauen hat, damit wir die Augen nicht vor dem Unrecht verschließen können.
Von Johann Wolfgang Goethe stammt das Zitat: "Denn wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Die Skulpturen des Humanisten Alfred Hrdlicka zeigen dieses Credo in Stein gehauen.
Ich freue mich, die Ausstellung "Alfred Hrdlicka.Schonungslos" hiermit zu eröffnen.
Geändert am 25.06.2010