Lech am Arlberg, 17. September 2009
(Es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrter Herr Bundesminister, lieber Gio!
Sehr geehrter Herr Landesstatthalter (Mag. Markus
Wallner)!
Sehr geehrter Herr Bürgermeister (Ludwig Muxel)!
Lieber Herr Professor Dr.
Liessmann!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Marcel Proust meinte einmal: „Man hat gesagt, dass die Schönheit ein Versprechen von Glück ist. Umgekehrt kann auch die Möglichkeit der Freude der Beginn von Schönheit sein.“
Das Schöne ermöglichen, das ist mein Ziel.
Im Kreis von Philosophinnen und Philosophen steht dabei am Beginn natürlich die Frage, was denn die Politikerin – die Bildungs- und Kulturministerin – als „das Schöne“ definiert.
Das Schöne ist die Chance, an der Kultur teilzuhaben. Ich verstehe diese Chance in einem umfassenden Sinn: als Teilnahme am künstlerischen und kulturellen Leben, am sozialen Miteinander, an der sozialen Gerechtigkeit, an den Perspektiven eines erfüllten Lebens.
Die Chance der Teilhabe ist bei weitem noch nicht Allen in unserer Gesellschaft gegeben. Wir wissen, dass nach wie vor der Zugang zu Kultur – auch in dem von mir beschriebenen weiten Verständnis – stark von der Herkunft und Bildung der Kinder abhängig ist.
Wenn Eltern gut ausgebildet sind, erwirbt schon das Kind beste Voraussetzungen für den eigenen Zugang zur Kultur und wird selbst auch gute Bildungschancen bekommen.
Wer in den Zentren lebt, wer aus guten ökonomischen Verhältnissen kommt, wer mit deutscher Muttersprache aufgewachsen ist, startet auch mit Vorteilen ins Leben.
Unsere Gesellschaft aber darf sich mit diesem Befund nicht zufrieden geben. Wir müssen Schritte zur Veränderung setzen. Um es im Sinne ihres Leitthemas zu sagen: Es gilt, den Reiz der Schönheit zu verstärken, das Begehren nach Schönheit zu wecken – und dafür gegebenenfalls auch bestehende Strukturen aufzubrechen, ja sogar hinderliche Strukturen zu zerstören.
Den jungen Menschen muss die größtmögliche Chance gegeben werden, dem Schönen näher zu kommen.
Denn mangelnde Perspektive führt zu Frustrationen, die durchaus zu einer Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft werden können. Soziale Gerechtigkeit bedeutet Schönheit für den einzelnen und die gesamte Gesellschaft.
Der französische Schriftsteller Stendhal sagte: „ Doch was ist Schönheit? Sie ist eine Verheißung, dass neue Freuden unserer warten.“
Die Schönheit als Verheißung muss jungen Menschen vermittelt werden. Sie brauchen den Blick nach vorne, auf eine – auf ihre – schöne Zukunft.
Dafür, meine Damen und Herren, kämpfe ich als Kultur- und Bildungsministerin mit meiner ganzen Kraft.
Der rasante Umbruch der Weltwirtschaft, die enorme Beschleunigung in der Technik und das Zusammenrücken der Welt machen es notwendig, das Wissen aller Menschen in unserer Gesellschaft zu stärken. Dabei dürfen wir nicht auf jene vergessen, die „von anderswo“ stammen oder für die mehr getan werden muss, um ihnen Zugang zur Bildung zu öffnen.
Ihnen allen müssen wir Perspektiven anbieten, auch der Jugend aus ärmeren Verhältnissen, Kindern aus bildungsfernen Schichten und solchen mit Migrations-Hintergrund.
Ein Appell richtet sich also in erster Linie an eine „Politik für das Schöne“:
Die besten Schulen für alle Kinder!
Bei all den Diskussionen um zeitgemäße Bildung und dem Zugang zur Kultur dürfen wir nie vergessen, dass die Kinder im Vordergrund stehen. Für sie muss die Schule eingerichtet sein, ihren Bedürfnissen und den Anforderungen der Eltern muss sie entsprechen. Für die Lehrer und Lehrerinnen muss Schule die Rahmenbedingungen für gutes Unterrichten bereitstellen.
Es gilt, die jungen Menschen zu Eigenverantwortung, zu autonomem Handeln, zur Selbstständigkeit und zu einer konstruktiv kritischen Haltung anzuregen und ihnen dafür die notwendigen Voraussetzungen mitzugeben. Eine wertschätzende Kultur an der Schule ist dafür die Basis.
Von der Flugpionierin und Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh stammen die Worte: „Denn Schönheit entfaltet sich nur im freien Raum. Nur im freien Raum sind Ereignisse, Gegenstände und Menschen unwiederholbar und unersetzlich und bedeutungsvoll und deshalb auch schön.“
Dieser freie Raum, das ist die „Neue Schule“, die zu schaffen wir alle beizutragen haben. Eine offene Schule, die sich als Vermittlerin von Kultur und Geist versteht, die das Rüstzeug für Selbstständigkeit an die Hand gibt und die jede Schülerin und jeden Schüler als Individuum mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen versteht.
Eine Schule, die Kritik zulässt und die jungen Menschen zu individuellem Handeln ermutigt, ganz im Sinne eines Wortes des Komponisten Hans-Werner Henze: „Schönheit ist das, was von der Norm abweicht.“
Meine Damen und Herren, warum spreche ich hier im Kreis der Philosophinnen und Philosophen und der Freunde der Philosophie über die Vision einer „Neuen Schule“?
Ich tue das, weil doch das mündige Sein, die Hinwendung zu Bildung und das autonome Denken die notwendige Voraussetzung für die Annäherung an ihre Disziplin sind.
„Schönheit ist ein gar willkommener Gast,“ sagte Goethe. Aber kein Gast kommt von alleine, wir müssen ihn einladen und den Tisch für ihn decken – die Möglichkeit für das Schöne schaffen.
Und dabei stets im Auge behalten, was schon der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry zu hören bekam: „Ja, sagte ich zum kleinen Prinzen, ob es sich um das Haus, um die Sterne oder um die Wüste handelt, was ihre Schönheit ausmacht, ist unsichtbar!“
Ich wünsche dem 13. Philosophicum gute Gespräche und wertvolle Erkenntnisse zum „Zauber der Schönheit.“
Geändert am 17.09.2009