Salzburg, 30. Juli 2011

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied anlässlich der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur an Javier Marías

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrte Frau Kulturministerin Ángeles González Sinde,
Sehr geehrter Javier Marías,
Sehr geehrte Frau Landeshauptfrau Gabi Burgstaller,
Sehr geehrte Frau Präsidentin Helga Rabl-Stadler,
Sehr geehrter Alexis Grohmann,

Sehr verehrte Fest- und Ehrengäste,
Exzellenzen!

Kulturministerin Claudia Schmied überreicht Javier Marías den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2011
Javier Marías, Kulturministerin Dr. Claudia Schmied (Foto: Aleksandra Pawloff)

In „Alle Seelen“ von Javier Marías heißt es an einer Stelle – und ich verkürze das Zitat ein wenig – „......alles, was wir unmittelbar erleben (und wofür wir daher ein Stück Verantwortung tragen), muss einen Adressaten außerhalb unserer selbst finden. Jede Sache muss jemandem erzählt werden.“

Ich kann heute darüber reden und werde zukünftig erzählen können, dass es ein besonderer Tag war - dieser 30. Juli 2011.

Wir haben uns an einem einzigartigen Ort in Salzburg zusammengefunden, in einem Haus, in dem Tradition und Moderne aufeinandertreffen, wo europäische Literatur eine Heimat hat. Die Edmundsburg ist heute Sitz des Stefan Zweig Centers, des Salzburg Centers of European Union Studies und des Salzburger Literatur-Archivs.

Unserer Einladung sind zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sowie Politiker und Repräsentanten wichtiger Institutionen gefolgt. Ihre Anwesenheit, meine sehr geehrten Damen und Herren, unterstreicht die Bedeutung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur.

Besonders freue ich mich, dass die spanische Kulturministerin Ángeles González Sinde unter uns ist. Herzlich Willkommen in Salzburg!

Eine besondere Ehre für uns alle ist es, dass Sie, sehr verehrter Javier Marías, hier sind. Ich begrüße Sie – auch im Namen der hier versammelten Festgäste – herzlich bei uns in Österreich.

„Jede Sache muss jemandem erzählt werden,“ ist ein Selbstverständnis des europäischen Kontinents, der sich im besten Sinne als ein Echoraum der Literatur beschreiben lässt. Unterschiedliche Stimmen erzählen in vielfältigen Formen, Stilen und Sprachen seit Hunderten von Jahren Geschichten von diesem Kontinent und seinen Menschen.

Auch wenn europäische Autoren Teil der Weltliteratur sind, gehören sie zur „Mental Map“, zur literarischen und geistigen Landschaft unseres Kontinents.

Die Einheit Europas spiegelt sich in der Vielfalt der Bewohner dieser Landschaft wider.

Die Bewohner sind Odysseus und Penelope, Don Quijote und Sancho Pansa, Hamlet und Ophelia, Tristram Shandy, Madame Bovary, Wladimir und Estragon und so viele andere mehr.

Sehr geehrter Herr Marías, Sie haben dem Lesekontinent wichtige Bewohnerinnen und Bewohner hinzugefügt, wie Teresa Aguilera aus (Mein Herz so weiß) , Peter Wheeler (aus: Dein Gesicht morgen) oder Cromer-Blake (aus: Alle Seelen), um nur einige wenige zu nennen.

Die großen europäischen Autoren und Romanciers haben mit ihren Werken einen einzigartigen imaginären Raum geschaffen, einen faszinierenden Sprach-, Denk- und Erfahrungsraum.

Auch Sie, verehrter Javier Marías, gehören zu jenen europäischen Schriftstellern, deren Romane und Erzählungen weltweit gelesen werden.

Im deutschsprachigen Raum haben Sie mit „Mein Herz so weiß“ bei Publikum und Kritik Begeisterungsstürme ausgelöst.

Der strenge, für den deutschsprachigen Raum wichtige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal darüber gesagt: „Ich habe seit vielen Jahren, ich kann es nicht präziser sagen, kein Buch gelesen, das mich so getroffen hat. Dies ist ein Meisterwerk, es ist ein ganz großes Meisterwerk."

Mit der knapp 1.700 Seiten starken Trilogie „Dein Gesicht morgen“ haben Sie zuletzt ein wahrhaft unerschöpfliches Werk vorgelegt.

Die von mir einberufenen Expertenjury zur Vergabe des Staatspreises, der ich an dieser Stelle herzlich für Ihre wertvolle Arbeit danke, begründete ihre Entscheidung mit den Worten:

„Der Preis wird Javier Marías „für ein erzählerisches Werk von wahrhaft europäischer Dimension zugesprochen, in dem sich die Reflexion über die abgründige Menschennatur mit dem Nachdenken über Moral, Geschichte und Politik verbindet.

Es ist mir eine große Ehre, Ihnen, verehrter Javier Marías, den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur zu überreichen. Und ich werde noch lange und mit Stolz darüber erzählen.

Jede Sache, besonders diese Sache muss jemandem erzählt werden.

Geändert am 13.10.2011

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