Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied bei der
Veranstaltung "Ökonomie von Kunst und Kultur" der Europäischen Wissenschaftstage in Kooperation mit den Vereinigten Bühnen Wien
13. Mai 2009, Ronacher, Wien

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied bei der Veranstaltung "Ökonomie von Kunst und Kultur" der Europäischen Wissenschaftstage ...
Bundesministerin Dr. Claudia Schmied (Foto: Julia Süss)

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Kunst regt an. Über Sinnesfreuden und Wirtschaftskraft.

„Wenn der Bau Europas noch einmal von vorn begonnen werden müsste, wäre es besser, mit der Kultur anzufangen.“ Dieser Satz, meine sehr geehrten Damen und Herren, stammt von Jean Monnet. Er hat die Idee des gemeinsamen Europa mitgeschaffen. Ich stimme Jean Monnet aus vollem Herzen zu!

Es sind die kulturellen Werte, die uns zusammenführen und die mehr als jede wirtschaftliche Kooperation geeignet sind, die Identität Europas und seiner Einzelstaaten zu prägen. Ich bin überzeugt, dass der Kultur – oder besser gesagt den Kulturen – als Bindeglied zwischen den Menschen und Ländern eine elementare sinnstiftende Bedeutung zukommt.

Die Wirtschaft kann dabei von Kunst und Kultur lernen und sollte sie in diesem Sinne auch wertschätzen und fördern.

Das Verhältnis von Kunst und Kultur zur Wirtschaft will ich in meinem Vortrag aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.

Kulturelles Kapital ist Kraftquelle des Einzelnen und der Gesellschaft

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat darauf hingewiesen, dass neben dem ökonomischen Kapital – also dem materiellen Besitz von Geld und Vermögen – zwei weitere Kapitalformen von Bedeutung sind: das kulturelle Kapital und das soziale Kapital.

Das kulturelle Kapital wird uns primär durch die familiäre und schulische Bildung vermittelt.

Immer noch sind diesbezüglich jene Kinder begünstigt, die aus Familien mit höherer Schulbildung oder mit universitären Abschlüssen kommen.

Sie erlernen meist einen selbstverständlichen Umgang mit kulturellen Werten. Sie tragen die Kultur als leicht erworbenes Kapital mit sich und setzen sich darum im Leben besser durch. Sie erwerben also mit der kulturellen Prägung auch ihr soziales Kapital für eine sinnstiftende Gestaltung ihrer Zukunft.

Der Erwerb und die ökonomische Verwertung des kulturellen Kapitals im Sinne Bourdieus sollte daher, so meine ich, mehr jungen Menschen ermöglicht werden.

Ich sehe daher meinen Auftrag als Bildungs- und Kulturministerin auch darin, das schulische System grundlegend so zu verbessern, damit es möglichst vielen Kindern den Zugang zu kulturellem Kapital erschließt.

Dafür spricht nicht nur unser demokratisches Grundverständnis, sondern auch, dass das kulturelle Kapital des Einzelnen ein großes, gemeinsames Asset der Gesellschaft ist – die Volkswirtschaft profitiert am Ende von der kulturellen Kompetenz jedes Einzelnen.

Von Kunstschaffenden lernen

Ein anderer Zusammenhang besteht dort, wo die Wirtschaft von der Kunst und Kultur lernen kann.

Ein modernes Unternehmen braucht mündige, kritische, engagierte und kreative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um den sich rasch ändernden Verhältnissen und Anforderungen der Märkte gewachsen zu sein. Wer heute erfolgreich wirtschaften will, muss sich auf der globalen Bühne flexibel und vernetzt bewegen können.

Künstlerinnen und Künstler sind immer schon vielfältige Kooperationen eingegangen, über alle Grenzen hinweg, und haben damit internationale, interkulturelle und interdisziplinäre Aspekte gelebt. Aspekte, die heute in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen zu einer notwendigen Voraussetzung geworden sind.

Ich möchte daher Unternehmen raten, gerade in Zeiten schwieriger ökonomischer Bedingungen den Blick auf Kunst und Kultur zu lenken – um von diesem System der Vernetzung und des Ebenenwechsels zu profitieren.

Über Kunst und Kultur eröffnen wir neue emotionale Zugänge und knüpfen Beziehungen, die Basis für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und Vertrauen sein können. Anhand des Kulturschaffens – seien es bildende, darstellende oder alternative Kunstformen – lässt sich auch die Bereitschaft zu umsichtigen kreativen Lösungen erlernen.

Gerade diese angewandte Kreativität kann ein Vorbild für das Managen in turbulenten Zeiten sein – Zeiten, in denen herkömmliche hierarchische, binäre Konzepte oft zu kurz greifen.

creative industries und die Kraft der Kreativität

Der Aspekt des kreativen Zusammenhangs von Kultur und Wirtschaft zeigt sich unmittelbar bei den „creative industries“.

Mit diesem „neuen“ Kreativzweig sind Hoffnung auf gesellschaftliche Erneuerung, Dynamisierung der Wirtschaft und das Erstarken von Wirtschaftsräumen verbunden. Dort, wo sich die Kulturschaffenden der creative industries zusammen schließen, bilden sich „creative clusters“, also gesellschaftliche Kreativzentren, die ihre wirtschaftliche Umgebung beleben.

Aufgabe der Politik und Wirtschaft ist es, den „Kreativarbeitern“ im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung zu helfen, ihre Ideen umzusetzen und in besser gesicherte Lebensverhältnisse zu kommen.

Wie wichtig die Kraft des Neuen und das Potential von Kunst und Kultur international gesehen werden, zeigt sich darin, dass die Europäische Union das Jahr 2009 zum „Jahr der Kreativität und Innovation“ erklärt hat.

Dazu werden wir heute noch einiges im Referat von Prof. Peter Tschmuk mit dem Titel „Wie kommt das Neue in die Kunst?“ hören. Ich freue mich auf Ihre Ausführungen im Zusammenhang von künstlerischer Kreativität und Innovation, nicht zuletzt aufgrund meiner hohen Wertschätzung für Claus Otto Scharmers Konzepte zu „Wie kommt das Neue ins System?“.

Wirtschaften für die Menschen

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich in diesem Zusammenhang einen weiteren Aspekt einbringen: Wenn wir über Kultur und Ökonomie sprechen, sollten wir immer auch – abstrahierend und übergeordnet – überlegen, welche Funktionen, welche Ziele wir dem Wirtschaften zuordnen.

Wenn es dabei nicht nur um die „planvolle Deckung des menschlichen Bedarfs“ gehen soll – um eine übliche, akademische Definition zu verwenden –, so ist jedenfalls die Frage zu stellen: Was brauchen die Menschen über ihre Grundbedürfnisse hinaus?

Ein altes Thema, zu dem sich schon Aristoteles geäußert hat. Ich darf ihn zitieren: „Das Leben des Gelderwerbs aber ist kein lebenswertes Leben, und der Reichtum kann das gesuchte Gut offenbar nicht sein, denn er ist ja nur Mittel zum Zweck.“

Also nicht der Gelderwerb allein, sondern der Gelderwerb zur Erreichung eines höheren Zwecks, kann das „gesuchte Gut des Lebens“ sein.

Und dieses „gesuchte Gut“ kann zum Beispiel in der Kunst und Kultur gefunden werden: Durch sie erfahren wir Sinnstiftung und Sinnesfreude. Die Vorstellung einer Welt ohne Bilder an den Wänden, ohne Musik, ohne Buch, ohne Film, ohne Theater bringt sofort die Erkenntnis, dass der Mensch mehr zum Leben braucht, als nur das tägliche Brot.

So trivial diese Erkenntnis klingen mag, so wichtig ist es, sie in Zeiten knapper Budgets und allgemeiner Sparziele in Erinnerung zu halten.

Als Kulturministerin trete ich daher dafür ein, dass der Stellenwert von Kunst und Kultur in Österreich nicht nur in Worten als „sehr hoch“ bewertet wird, sondern auch in Zahlen:

  • Im Budget, als die in Zahlen gegossene politische Willenserklärung und
  • im Sponsoring, als die direkte Unterstützung der Wirtschaft für die Kunst.

Kunst und Kultur schaffen ökonomische Werte

Dieses Plädoyer für die materielle und immaterielle Bedeutung von Kunst und Kultur und meine Forderung nach einer höheren finanziellen Ausstattung für diesen gesellschaftlich wertvollen Bereich möchte ich untermauern.

Konkrete Zahlen zeigen, dass aus dem kreativen Bereich eine bedeutende Wertschöpfung für die Volkswirtschaft resultiert. Über die Sinnstiftung von Kultur und über ihre Vorbildwirkung hinaus, bringt der kreative Bereich nachweisbare und kalkulierbare Vorteile in Form von Erträgen für viele Unternehmen. Der kreative Sektor fördert den Fremdenverkehr und schafft eine hohe Zahl von Arbeitsplätzen.

Das belegen unter anderem zwei Studien des Instituts für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2007, die in meinem Auftrag entstanden sind und die die ökonomischen Wirkungen von Kultureinrichtungen untersucht haben. Herangezogen wurden die drei Bundestheater Staatsoper, Burgtheater und Volksoper, weiters die Bundesmuseen, die größten Festspiele sowie Musik- und Filminstitutionen.

Durchgehend zeigt sich, dass jede dieser Einrichtungen weit mehr zur Wertschöpfung beiträgt, als sie an Förderungen durch die öffentliche Hand erhält.

Das drückt sich in unterschiedlicher Form aus.

So treten Kulturinstitutionen als bedeutender Nachfrager nach Sachgütern und Dienstleistungen auf den Märkten auf. Sie sichern einer großen Zahl von Menschen hochwertige Arbeitsplätze und regen den Qualitätstourismus an.

Über Steuern und Abgaben, die aus dieser Nachfrage der Kultureinrichtungen resultieren, fließen große Teile der Subventionen wieder an die öffentlichen Stellen zurück.

Alles, was die öffentliche Hand daher für diese, „ihre“ Kulturhäuser einsetzt, ist auch in einer verkürzten betriebswirtschaftlichen Betrachtung gut investiertes Geld.

Um es klarzustellen: Es geht bei diesen betriebswirtschaftlichen Betrachtungen nicht darum, Kunst und Kultur lediglich als ökonomische Kategorien zu rechtfertigen, aber auch:

Durch direkte Wertschöpfung und im Licht der Umwegrentabilität sind Kunst und Kultur wesentliche Förderer unserer Volkswirtschaft.

Meine Damen und Herren, dieser Bogen und meine Ausführungen zeigen, dass Kultur der fruchtbare Boden ist, auf dem sich gesellschaftliches Leben entfalten kann.

Die Wirtschaft tut gut daran, von den Kulturschaffenden zu lernen, wenn es um Offenheit, Kreativität und „das Beschreiten neuer Wege“ geht.

Kunst und Kultur sind Hoffnungsgebiete für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung.

Daraus entsteht meine Forderung nach einer umfassenden Förderung dieser Bereiche, die sich am Ende mehrfach rentiert: in Form einer lebenswerten Gesellschaft und in barer Münze für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Der Zusammenhang von Kultur und Ökonomie lässt sich also kurz zusammenfassen: Die Wertschätzung für Kunst und Kultur führt zur Wertschöpfung in Ökonomie und Gesellschaft.

Wenn diese Botschaft ankommt, dürfen wir auf eine erfolgreiche und sinnerfüllte Zukunft hoffen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Geändert am 18.05.2009

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