Rede von Bundesministerin Dr. Claudia Schmied anlässlich der parlamentarischen Enquete "Bildung – Beruf – Wirtschaft – Mehr Chancen für Alle" am 11.12.2007

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrter Herr Präsident!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Spitzenleistungen brauchen eine breite Basis! Leistung und Freude sind kein Widerspruch!

Begabungen und Talente aller Menschen müssen bereits von einem frühen Stadium an umfassend gefördert werden. Es geht um Neugier, Entdeckergeist und Eigenständigkeit.

Es gibt in Österreich große Bevölkerungsgruppen - ich denke hier besonders an sozial Benachteiligte, aber auch an Menschen mit Migrationshintergrund -, die noch nicht ausreichend gefördert werden und deren Potenzial derzeit nicht zur Entfaltung kommt.

Qualifikation und Beschäftigungsfähigkeit hängen eng miteinander zusammen.

Es ist eine Grundvoraussetzung für Leben und Arbeit in einer innovationsorientierten Wissensgesellschaft, dass möglichst alle Menschen über zentrale Schlüsselkompetenzen, wie Lesen, Schreiben, Mathematik, Fremdsprachen und über soziale und kulturelle Kompetenz verfügen.

Es geht bei Bildung um mehr, als reine Wissensvermittlung! Es geht auch um die Vermittlung von Werten, die Entwicklung der Persönlichkeit.

Wir können, wollen und sollen uns nicht länger ein Bildungssystem leisten,

  • das Bildungserfolge in hohem Maß vom Status der Eltern abhängig macht,
  • das laut PISA 30% der Schülerinnen und Schüler als Risikoschüler aus der Schulpflicht entlässt,
  • das Kinder mit Migrationshintergrund nicht optimal in unsere Gesellschaft integriert.

Wir sind verpflichtet, ungleiche individuelle Ausgangsbedingungen in gleiche Chancen zu verwandeln – und das in jeder Lebensphase.

Es ist Zeit zu handeln! Was ist konkret zu tun?

  • Kindergarten zum Bildungsgarten ausbauen – mit verpflichtender Sprachförderung.
  • Vor allem in der Volksschule und im Bereich der Sekundarstufe I (Projekt 25+) die Schülerinnen und Schüler individuell fördern.
  • Die pädagogisch bedenkliche und ökonomisch teure Trennung der Bildungswege im 10. Lebensjahr der Kinder auf das 14. Lebensjahr verschieben (Neue Mittelschule).
  • Ganztägige Betreuung an Pflichtschulen in höchster Qualität anbieten.
  • Attraktive Bildungs- und Berufsberatung in Kooperation mit Universitäten, Fachhochschulen, Unternehmen, Arbeitsmarktservice und anderen Bildungseinrichtungen (Lifelong Guidance) entwickeln.
  • Den Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) fertig stellen.
  • Kostenlose Bildungsabschlüsse aller formalen Ausbildungen der Sekundarstufen I und II ermöglichen.
  • Konzept „Lehre mit Reifeprüfung“ 2008/09 umsetzen, das motiviert junge Menschen und wertet die Lehre auf.

Meine Damen und Herren, wir müssen in die Neugestaltung von Lernen und in die Innovation unseres Bildungssystems investieren – was im Elternhaus, im Kindergarten, in der Schule verabsäumt wird, kann später nur mit großer Mühe nachgeholt werden.

Lebensbegleitendes Lernen muss ein hoher Wert in unserer Gesellschaft sein.

Die strategischen Überlegungen der Industriellenvereinigung gehen in diese Richtung. Auch die Sozialpartner fordern das sehr deutlich in ihrem Positionspapier „Chance Bildung“ und unterstützen mich bei meinen Reformen.

Lebensbegleitendes Lernen hat in unserem Regierungsprogramm einen prominenten Stellenwert. Die konkreten Zielsetzungen lauten: „Forcierung des Lebenslangen Lernens (LLL)“ sowie „Ausarbeitung eines LLL-Strategiepapiers“.

Internationalen Rückenwind erhalten wir von der Europäischen Kommission, die Österreich unter jene Länder der Europäischen Union einreiht, die bei der Entwicklung ihrer nationalen LLL-Strategie bereits große Fortschritte verzeichnen.

Einer der wichtigsten Indikatoren für das Lebensbegleitende Lernen stimmt mich zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Als EU-Ziel für 2010 wurde eine Weiterbildungsquote von 12,5% festgelegt. Österreich hat bereits eine Weiterbildungsquote von 13,1% erreicht. Auf dieser Grundlage werden wir mit unseren nächsten Schritten aufbauen.

Mit den „Leitlinien einer kohärenten LLL-Strategie für Österreich bis 2010“, die von anerkannten Bildungsexpertinnen und –experten erarbeitet wurde, verfügen wir über einen soliden Rahmen für eine umsetzungsorientierte Gesamtstrategie.

Insbesondere Schulen, aber auch alle anderen Bildungseinrichtungen, müssen zu attraktiven Orten für Innovation und Kreativität werden.

Investition in Bildung ist Investition in eine nachhaltige und innovative Weiterentwicklung Österreichs und Grundlage für eine konfliktfreie, gesellschaftliche Entwicklung.

Ich lade Sie, sehr geehrte Damen und Herren, dazu ein, mit mir gemeinsam an einer intensiven Vernetzung der Bildungsinstitutionen mit Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zu arbeiten.

Unser Bewusstsein muss wachsen, dass diese Bereiche nicht unabhängig von einander gesehen werden können.

Geändert am 11.12.2007

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