Unteres Belvedere/Orangerie, am 25. September 2008
(Es gilt das gesprochene Wort!)
Verehrter Herr Rainer!
Sehr geehrte Frau Direktorin,
sehr geehrter Herr Doktor
Fleck,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
rund zehn Jahre lang haben Arnulf Rainer und Dieter Roth miteinander gerungen und sich, wie eine Bildaufschrift sagt „aneinander gemessen.“
Da kann ich nur hinzufügen: „Wenn zwei sich messen, freut sich die Dritte, die Kunst- und Kulturministerin.“
Was wir hier als Ergebnis dieser Auseinandersetzung und „Zusammen-Erarbeitung“ sehen, sind quicklebendige Arbeiten, voll Witz und Freude.
Da betrachten wir zwei würdige Herren, die großen Spaß daran haben, der Würde aller würdigen Herren ein Schnippchen zu schlagen.
„Dieter Roth,“ heißt es, „tritt in Wien als Akrobat auf, Arnulf Rainer macht ihn zum Akrobaten.“
Rainer wiederum muss auf anderen Bildern manche Unterwerfung erdulden, den Rücken beugen und, wie die Inschrift sagt, den „Gefangenen mit dem großen Buckel“ mimen.
Erspart haben sich die beiden also nichts.
Und gerne möchte ich auch das Ästhetische würdigen, beispielsweise im Bild der „Tänzerin mit dem grünen Aufbau,“ oder in einer Arbeit, wo sich beides verbindet, die Ästhetik und der Spaß und die da heißt „Rote Hasen, die beim Rasen grasen.“
Ein Spaziergang ist das, für den Beschauer, durch eine wunderbar lebendige Welt, wo zwei sich in aller Ernsthaftigkeit lustig machen und in aller Lustigkeit ernsthaft neue Formen entwickeln.
Die Ausstellung macht Freude, so viel ganz profan gesagt.
Rainer und Roth haben rund zehn Jahre lang gerungen, miteinander, mit den Schatten der Vergangenheit und mit den Hütern einer geschlossenen, verstaubten Gesellschaft.
Ihre Zusammenarbeit war geprägt von Brüchen und Widersprüchen. Es war eine Zusammenarbeit von zwei Künstlern, die mit Vergangenem zu brechen hatten, und das in einer Zeit, wo dem Widerspruch an sich erst eine Bresche durch die Mauer der unbedingten Anpassung gebrochen werden musste.
Beide Künstler haben als Kinder den Nationalsozialismus erlebt.
Sie mussten sich als junge Menschen mit den Verstrickungen der Familie in dieses System auseinandersetzen und haben daraus wohl einen Gutteil ihrer Energie zum Anarchischen geschöpft.
Sie hatten diese Aufarbeitung der Handlungen und Geisteshaltungen Anderer zu leisten, um sich selbst fortentwickeln zu können.
1947 stieß der junge Rainer in einer Ausstellung auf Reproduktionen des Malers Francis Bacon und wusste, dass er fortan nicht mehr im, wie er es im Interview (mit Robert Fleck) nannte, „im blöden NS-Stil“ malen würde.
Dieter Roth kämpfte gegen seinen Vater, der noch 1946 in der Schweiz Nazi-Propaganda betrieb und von dem sich der Künstler radikal gelöst hat.
Das Umfeld, in dem diese Entwicklung stattfand, hätte dafür ungeeigneter nicht sein können.
Die Denkhaltungen der NS-Zeit waren ja nicht mit einem Schlag verschwunden, sondern formten noch für Jahrzehnte eine Gesellschaft der tausenden Tabus, des nicht-über-die-Vergangenheit-reden-Könnens, der Enge und der Dominanz kleinbürgerlicher Vorstellungen von Moral.
Arnulf Rainer war einer der Ersten, der mit Mitteln der Kunst Chancen zur Reflexion schuf. In einem Interview konnte er daher auch sagen, dass er bereits für die Wiener Aktionisten eine Art Vaterfigur gewesen sei.
Die Zusammenarbeit von Rainer und Roth fiel dann in eine Zeit, in der das Niederreißen der Mauern begann und Schritt für Schritt erfolgreich war. Die beiden haben mit ihrer Kunst einen wichtigen Anteil dazu beigetragen.
Und das mit einem Stilelement, nein besser einem Lebenselement, das geschlossenen Systemen so fremd ist: Mit Widerspruch und Widerstand durch Spaß.
Sehr geehrte Damen und Herren, wir erleben heute, dass die Grenzen wieder enger gezogen werden, dass in ganz Europa gesellschaftliche Tendenzen der Fremdenfeindlichkeit, also der Kulturfeindlichkeit sich verstärken, dass autoritäre Parteien zulegen.
Und das, meine Damen und Herren, heißt, dass die Feinde einer offenen, der Kunst verpflichteten Kultur eine Wiedergeburt erleben. Wir sind erneut aufgerufen, uns diesen Entwicklungen zu widersetzen.
Unsere Mittel, meine Mittel als Kulturministerin bestehen darin, die Bedingungen für Kunstproduktion zu verbessern und das Verständnis und Interesse von jungen Menschen für Kunst zu wecken.
Mein besonderes Anliegen ist es, die Plätze der Kunst zu öffnen, damit mehr und vor allem junge Menschen partizipieren können.
Meine Damen und Herren, Arnulf Rainer sagte in einem Interview, angesprochen auf die Wandlungen seiner Kunst: „Ein Künstler muss sich entfalten können: So wie es an einem Baum die verschiedensten Äste gibt, gibt es bei mir die verschiedensten Werke.“
Jene Äste, die er gemeinsam mit Dieter Roth gemalt, gezeichnet und geschrieben hat, sind mit ihrer Ästhetik und ihrem Humor frisch in unsere Zeit hinüber gewachsen.
Es ist eine große Freude, dass wir sie hier im Belvedere sehen können.
Geändert am 25.09.2008