Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied
zur Eröffnung der 90. Salzburger Festspiele am 26. Juli 2010

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Herr Vizekanzler!
Sehr geehrte Frau Landeshauptfrau!
Sehr geehrte Frau Festspielpräsidentin!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied zur Eröffnung der 90. Salzburger Festspiele am 26. Juli 2010
Fotocredit: Landespressebüro Salzburg/Franz Neumay

In seinem Essay „Wo Gott und Menschen zusammenstoßen,“ weist Michael Köhlmeier darauf hin, dass die Tragödie eines Menschen – so wolle es der Mythos – nur selten die Folge eigenen Handelns ist sondern meistens der Endpunkt einer langen Geschichte.

Das Grausame der Tragödie besteht darin, so Köhlmeier, dass sie nicht den trifft, der sie verursacht hat, sondern meist einen Unschuldigen.

Seit zwei Jahren stehen wir, meine sehr geehrten Damen und Herren, im Bann einer wirtschaftlichen Krise, die durchaus Aspekte einer Tragödie hat.

Und sie ist tatsächlich der Endpunkt einer langen Geschichte, in deren Mittelpunkt die bedingungslose Anbetung eines Götzen steht.

Kann es ein reiner Zufall gewesen sein, dass das „Goldene Kalb“ des britischen Künstlers Damian Hirst an eben jenem 15. September 2008 um über 10 Mio. Pfund versteigert wurde, an dem mit der Insolvenz von Lehman Brothers der Zusammenbruch der Finanzmärkte seinen Ausgang nahm?

Unsere Gesellschaft hat sich ganz dem Mythos des schnellen Profits, angetrieben von einer unbeschreiblichen Gier, zugewendet. In radikaler Weise haben wir uns von unseren ethisch-moralischen Prinzipien fortbewegt.

Und weil das - beinahe ohne Widerspruch - vor sich gegangen ist, haben einige Wenige die Werteordnung in einer Weise dominiert, die heute Vielen schadet.

In dem Hollywood-Film „Wall Street“ hat sich Regisseur Oliver Stone bereits 1987 mit dem Thema der gewissenlosen Spekulation befasst.

Wir hätten damals schon daraus lernen können.

So wie Bud Fox, der junge Investmentbanker, der am Ende des Films sagt (ich zitiere): „Ein Mann schaut in den Abgrund und nichts als der Abgrund schaut ihn an. Das ist der Moment, in dem der Mann seinen Anstand findet. Und das ist es, was ihn vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt.“

Es ist überliefert, dass die Broker der realen Wall Street diese Erkenntnis nicht angenommen haben, sondern sich vielmehr mit dem Zynismus des Finanzjongleurs Gordon Gecko, im Film gespielt von Michael Douglas, identifiziert haben.

Was eine Warnung hätte sein können, eine Aufforderung der Wahrheit und sich selbst ins Auge zu schauen, wurde ganz im Gegenteil zum Teil eines Spiels, das jeden Realitätssinn und jede Moral vergessen hat.

Die Finanzkrise, meine Damen und Herren, ist auch eine Krise der Kultur und unserer Werte.

Wir haben es zugelassen, dass die Logik eines Teilsystems zusehends das Ganze dominiert hat. Die sogenannte Realwirtschaft, die Welt der Unternehmen und der in ihr Beschäftigten, ist dadurch zu Schaden gekommen.

Durch die horrenden Kosten der Krisenbewältigungsprogramme wurden in der Folge die öffentlichen Haushalte an die Grenzen des Leistbaren gebracht – und mit einem Mal werden alle Bürgerinnen und Bürger zu den Betroffenen eines Finanzsystems, von dem wir heute wissen, dass es von den Grundfesten her saniert werden muss.

Es geht jetzt um einen radikalen Paradigmenwechsel hin zu einer Kultur der gesellschaftlichen Verantwortung.

Es ist Zeit, meine sehr geehrten Damen und Herren, von den Kunst- und Kulturschaffenden zu lernen.

Achten wir auf den sensiblen und den radikalen Blick der Künstler und Künstlerinnen. Schärfen wir - ohne Rücksicht - unsere Wahrnehmung und leben wir eine Kultur der Verantwortung.

In vielen Teilen unserer Welt steigt die Zahl der Arbeitslosen, haben Menschen ihre Zukunftsvorsorge verloren. Elfriede Jelinek beschreibt das eindringlich in ihrem Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“.

Gleichzeitig erleben wir eine Renaissance der öffentlichen Verantwortung. Die Rolle des Staates wird neu geschrieben. Die Spielregeln der Finanzwirtschaft können nicht mehr von dieser allein bestimmt werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Jede Krise trägt in sich das Potenzial zur Klärung, Erneuerung und Weiterentwicklung.

Die von mir skizzierten Ursachen der Krise müssen einerseits auf der politisch-ökonomischen Ebene zu Reformen führen, die uns in Zukunft vor vergleichbaren Krisen des Finanzsystems schützen.

Andererseits bedürfen sie kräftiger Anstöße seitens der Kunst und Kultur. Auch deshalb ist das klare Bekenntnis zur Verantwortung des Staates in der Kunstfinanzierung in Österreich gerade jetzt so entscheidend.

Der italienische Dirigent Ricardo Muti, ein großer Freund Salzburgs und seiner Festspiele wurde in den Salzburger Nachrichten mit dem Satz zitiert, der sich auf sein Heimatland bezog, aber für jedes andere Land die selbe Gültigkeit besitzt (ich zitiere): „Ausgaben zu kürzen bedeutet, der Kultur nicht nur Finanzierungen zu streichen, sondern Traditionen und Wurzeln zu zerstören, das ist unverzeihbar“.

Die Salzburger Festspiele feiern heuer ein beachtliches Jubiläum. Seit 90 Jahren wird in Salzburg große Kunst auf höchstem Niveau geboten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist mir ein großes Anliegen, dass möglichst viele junge Menschen an Kunst und Kultur teilnehmen. „Kunst mit allen“, ist mein Motto.

Die Salzburger Festspiele widmen sich auch heuer diesem Thema. Vom „Young Singers Project“ und dem „Young Conductor Award“ über den Kinderchor der Salzburger Festspiele bis zu den Musikcamps reicht das Angebot für unsere Jugend.

Ich freue mich auch über die Initiative der Festspiele, von Dir, liebe Frau Präsidentin, an die Jugend Karten zu stark reduzierten Preisen zu geben. Die Salzburger Festspiele ermöglichen damit jungen Menschen erste Erlebnisse mit Kunst und Kultur, und sie gewinnen ein Publikum, das den Festspielen in den nächsten neunzig Jahren treu sein wird.

Meine Damen und Herren, die Salzburger Festspiele glänzen auch in ihrem 90. Jahr mit einem reichhaltigen Programm. Ich wünsche allen Mitwirkenden und Ihnen viel Freude an Musik und Schauspiel, an Kunst und Kultur.

Rede von Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied zur Eröffnung der 90. Salzburger Festspiele am 26. Juli 2010
Fotocredit: Landespressebüro Salzburg/Franz Neumay

Geändert am 02.08.2010

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