Wien, MUMOK - Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, 12.04.2010

Die Sammlung Österreich, Traum und Wirklichkeit

Einleitungsstatement von Dr. Claudia Schmied, Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur

12. April 2010

(es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrter Herr Direktor Köb,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die Sammlung Österreich, Traum und Wirklichkeit - Einleitungsstatement von Bundesministerin Dr. Claudia Schmied

Über die Einladung zum Thema „Die Sammlung Österreich: Traum und Wirklichkeit“ ein einleitendes Statement zu halten, habe ich mich sehr gefreut.

Vielen Dank, Herr Direktor Köb, für diese Gelegenheit, die mir auch die Möglichkeit gibt, Ihre Arbeit für das MUMOK Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig wertzuschätzen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich will mit drei grundsätzlichen kulturpolitischen Bekenntnissen beginnen.

Bekenntnis 1: Wir leben heute in einem Land, das sich in Sachen Kunst und Kultur klar zur Verantwortung des Staates bekennt. Der Staat ist mitverantwortlich für die Förderung der Künste. Er kann und darf sich aus dieser Verantwortung nicht zurückziehen.

Bekenntnis 2: Wir leben heute in einem Land, das die Autonomie der Künstlerinnen und Künstler und ihrer Institutionen garantiert. Die Freiheit der Kunst ist in der Verfassung verankert.

Bekenntnis 3: Wir leben heute in einem Land, das sich klar zur Vermittlung der Kunst bekennt. Entgegen elitären Ansätzen in der Kulturpolitik soll, ja muss der Zugang zur Kunst möglichst konkret, möglichst vielen Menschen geöffnet werden. Hier spielt die Schule eine gewisse Rolle. Hier sind aber vor allem die Institutionen selbst gefordert.

Das klingt selbstverständlich?

Ich denke, das anzunehmen, ist ein fataler Irrtum. Die Freiheit der Kunst muss täglich verteidigt werden.

Um ein berühmtes Wort von Adorno zu variieren: „Selbstverständlich ist, dass nichts was die Kunst betrifft mehr selbstverständlich ist.

Selbstverständlich, meine sehr geehrten Damen und Herren, ist auch kulturpolitisch nichts.

Denken Sie an die Zeichen des Neoliberalismus, der die staatliche Verantwortung grundsätzlich hinterfragt und zum Beispiel Sammlungen lieber Privaten überträgt.

Denken Sie an die Zeichen einer FPÖ-Kulturpolitik, für die die Kunst sehr rasch ein Skandalon darstellt.

Denken Sie an eine konservative Kulturpolitik, die den Zugang zu kulturellen Einrichtungen für ihre Eliten abdichtet.

Denken Sie an die Finanz- und Fiskalkrise, in der die Verteilungskämpfe vielleicht nicht nur härter, sonder in jedem Fall sichtbarer werden.

In der zweiten Republik, meine sehr geehrten Damen und Herren, wurde viel erreicht: Konkret was die Förderung der Kunst, aber auch was den allgemeinen Konsens über die Autonomie der Kunst und die Bedeutung ihrer Vermittlung betrifft. Man ist den Künstlerinnen und Künstlern gegenüber vielleicht nicht toleranter, aber zumindest gelassener geworden.

Dennoch: Ich muss noch einmal betonen: Selbstverständlich und irreversibel ist nichts.

Die Kunst und Kulturpolitik und – ich ergänze – die Bildungspolitik sind die Arenen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Konflikte und bleiben das auch. Und das ist gut so!

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema, zur „Sammlung Österreich“.

Das Bekenntnis zur staatlichen Verantwortung, das Bekenntnis zur Autonomie der Künstlerinnen und Künstler und ihrer Institutionen, konkret zur Autonomie der Bundesmuseen, und das Bekenntnis zur Vermittlung sind für mich auch die kulturpolitischen Leitlinien, was das Sammeln betrifft.

Staatliche Sammlungen sind in meinem kulturpolitischen Verständnis, meine sehr geehrten Damen und Herren, eine unabdingbare Notwendigkeit.

Die Autonomie der staatlichen Museen ist in meinem kulturpolitischen Verständnis dabei unverzichtbar. Autonomie als Möglichkeit und Verpflichtung zur Initiative im Sinne des US-amerikanischen Essayisten Elbert G. Hubbard (1859 – 1915), der einmal gesagt hat: „Initiative heißt, das Richtige tun, ohne dass es angeordnet und erklärt wurde.“

Warum?

Erstens: Sammlungen sind der innerste Raum von Kultur. Wenn wir unter Kultur jene Zeichen und Dinge verstehen, die zur Stabilität und Kontinuität eines Kollektivs beitragen, ist die Frage, was gesammelt wird, die Art und Weise wie gesammelt wird, entscheidend für jede menschliche Gemeinschaft.

Zweitens: Auf Sammlungen, den wissenschaftlichen, den naturkundlichen, den kunsthistorischen Sammlungen beruht die säkulare europäische Identität: Von den fürstlichen Schatz- und Wunderkammern, über die Bibliotheken, die Archive bis zur enormen Errungenschaft der öffentlich zugänglichen Museen seit der Französischen Revolution.

Drittens: Sammlungen sind Räume des Wissens, der Reflexion und - das mag vielleicht überraschen – Garant des Neuen. Keine Innovation ohne Gedächtnis. Je größer das kulturelle Archiv, je besser es geordnet und zugänglich ist, desto eher ist gesellschaftliche Innovation möglich. Gesellschaften ohne geordnetes Gedächtnis sind fortschrittsfeindlich. Sie sind ständig damit befasst, sich ihrer selbst zu vergewissern. Darin liegt die innovative Logik und die Funktion der Sammlung der Aufklärung: Einen Raum der Erinnerung haben, um vergessen zu können.

So hat auch der deutsche Philosoph Odo Marquadt gemeint, dass es schon bemerkenswert und wohl kein Zufall sei, dass in Zeiten des Fortschritts die meisten Museen eröffnet werden.

Sammlungen, so auch staatliche Sammlungen, stehen heute vor enormen Problemen ihrer Identität und Aufgaben. Im Rahmen der Podiumsdiskussion wird darüber sicher eingehend diskutiert.

Ich will nur einige der Diskussionspunkte skizzieren.

  • Wir werden konfrontiert mit einer weltweit ausufernden Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen. Der Kunstbegriff wird permanent erweitert. Die Sammlungshorizonte werden geografisch und medial ausgeweitet.
  • Es herrscht scharfe internationale Konkurrenz, was die Ankäufe betrifft. Kurz gesagt: Das wertvolle Original, das unabdingbar ist, wird teurer. Der Konkurrenzkampf um die Meisterwerke weitet sich immer stärker auch auf den Bereich aktueller Gegenwartskunst bzw. auf die junge Kunst aus.
  • Es wird, insgesamt betrachtet, mehr gesammelt denn je. Weniger denn je, herrscht Konsens darüber, wo der profane Raum endet und wo das kulturelle Archiv beginnt, also was als „merk-würdige“ Sache im Wortsinn zu sammeln ist und was vergessen werden darf, wo also die Grenzen der Sammlung zu ziehen sind.
  • Von der Finanz- und Fiskalkrise sind weltweit nicht nur Galerien und private Sammlungen betroffen, sondern in zunehmendem Maße auch öffentliche Bibliotheken, wissenschaftliche Sammlungen von Universitäten und die Budgets von Museen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Jede Sammlung, ob privat oder staatlich, braucht Bestand, Ordnung und Raum.

Aus meiner Sicht sind es vor allem die folgenden drei Punkte, die zu diskutieren und einzufordern sind:

  1. Wir müssen neue Formen der Kooperation begründen. International, lokal, öffentlich-privat.
    Insbesondere die Kooperation zwischen Privatsammlern und den staatlichen Museen möchte ich hervorheben.
    Ich erwähne in dem Zusammenhang die Sammlungsoffensive, die Sie, sehr geehrter Herr Direktor Köb, mit namhaften Entscheidungsträgern aus Kunst und Wirtschaft und Sammlern im Jahr 2005 gestartet haben. 1.600 Kunstwerke mit einem Ankaufswert von über 13 Mio. EUR. Das ist Ihre Erfolgsbilanz.
    Ich denke an Schenkungen, aber auch an befruchtende Auseinandersetzungen mit Trends und Strömungen der zeitgenössischen Kunst.
    Selbstverständlich geht es auch, und das ist ein Dauerthema der Museumspolitik, um die Abstimmung der Kunstmuseen untereinander. Es muss der Austausch der Kunstwerke zwischen den Häusern optimiert werden, und es muss einen kooperativen Umgang zwischen den Bundesmuseen geben, Sammlungsschwerpunkte der Häuser und Abstimmungen bei Sammlungseinkäufen in der Direktorenkonferenz.
    Die Digitalisierung der Sammlungsbestände ist dabei unverzichtbar.
    Mit großer Freude erwähne ich in diesem Kontext die Kooperationsvereinbarung, die zwischen MUMOK und Belvedere betreffend österreichische Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts abgeschlossen wurde.
  2. Es müssen Sammlungsstrategien definiert werden.
    Das rasante Marktgeschehen erfordert dabei wohl Geduld, Gelassenheit und Pragmatismus.
    „Museales Sammeln“, ich zitiere aus Ihren Sammlungsüberlegungen, Herr Direktor Köb, „kann nur Schwerpunktbildung und Profilierung bedeuten, zugleich auch Verzicht und Beschränkung.“ Die Kriterien für die Schwerpunktbildung müssen aus der Geschichte, aus den vorhandenen Beständen, den bestehenden Forschungsschwerpunkten, der geopolitischen Situation und dem lokalen Kontext für jedes Haus entwickelt werden.
  3. Die wissenschaftliche Aufbereitung der Sammlungen gilt es – auch im Kontext der Vermittlung und Sammlungspräsentation – zu vertiefen.
    Der Erfolg von Museen bemisst sich an Besucherzahlen, aber nicht ausschließlich. Auch unsere Diskussionsrunden zur museumspolitischen Initiative im Jahr 2008 haben gezeigt, dass der Aspekt der quantitativ messbaren Daten oft die Oberhand bekommen hat, gegenüber inhaltlichen Diskussionen.
    Hier gilt es immer wieder die richtige Balance zu finden. Wirtschaftlicher Erfolg und kultureller Tiefgang sollten einander nicht ausschließen. Wir müssen uns bewusst sein, dass Museen immer mehr zu wichtigen Forschungs- und Bildungseinrichtungen der Gesellschaft werden.

Abschließend, meine sehr geehrten Damen und Herren, muss ich selbstverständlich auch über das Geld reden.

Es gilt, wie immer in der Kunst: Der Finanzbedarf ist groß. Die Forderung nach mehr Budget ist rasch und einfach erhoben.

Die Sammlungspolitik ist in besonderer Weise eine Verwaltung des Mangels. Umso wichtiger erscheint es mir, dass die Bundesmuseen, jedes für sich und alle gemeinsam anstreben, ein fixes Budget im Rahmen der Basisabgeltung für das Sammeln vorzusehen. Die Sammlung Österreich soll laufend um zeitgenössische Werke ergänzt werden. Das ist auch für die Künstlerinnen und Künstler von großer Bedeutung.

Vermitteln, Ausstellen, Sammeln, Forschen, das sind die zentralen Aufgaben unserer Museen. Ein finanziell ausgewogenes Verhältnis innerhalb der Basisabgeltung zur Wahrnehmung der Aufgaben herzustellen, und das bei knappen Budgets, ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Ich bin froh, dass zumindest in den letzten drei Jahren eine Erhöhung der Basisabgeltung für die Bundesmuseen – nach vielen Jahren der eingefrorenen Budgets – von jährlich rd. 70 Mio. EUR auf rd.
82 Mio. EUR geglückt ist und auch der freie Eintritt für Kinder und Jugendliche in unsere Bundesmuseen umgesetzt werden konnte.

Diese gesetzlich fixierte und politisch garantierte öffentliche Finanzierung der Bundesmuseen ist weltweit einzigartig.

Die Galerienförderung, die Leistungen der Stiftung Ludwig und die Ankäufe der Artothek sind ergänzende staatliche Finanzierungen des Kunstankaufes mit einem Gesamtvolumen von etwa 2,7 Mio. EUR jährlich.

Die Rolle des Staates muss gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten die eines sicheren und verlässlichen Partners der Kunst sein. Dafür stehe ich. Dafür kämpfe ich politisch.

Intitiativen wie die heutige Diskussion und die Ausstellung „Konstellationen – Sammeln für ein neues Jahrhundert“ fördern den Dialog zwischen den Kunstmuseen, den Sammlern, den Galeristen und der gesamten Öffentlichkeit.

Ich wünsche mir, dass uns mit dem heutigen Abend ein überzeugendes Plädoyer für das Sammeln zeitgenössischer Kunst gelingt.

Denn: Sammlungen machen den Reichtum unserer Gesellschaft aus, und zwar den Reichtum der nächsten und übernächsten Generation.

Geändert am 25.06.2010

 top