Wien, Orangerie, Unteres Belvedere, 16. Februar 2011
(es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrte Frau Direktorin!
Sehr geehrte Frau Kallir!
Meine Damen und Herren!
Fotocredit: Belvedere/APA-Fotoservice/Preiss
Im ausgehenden 19. Jahrhundert und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Menschen Europas mit einer rasanten Entwicklung konfrontiert, die alles mit sich riss – die Art des Wirtschaftens, die Formen des Zusammenlebens, die Struktur der Gesellschaft.
Plötzlich stand alles in Frage, was durch Jahrhunderte gegolten hatte, kein Stein blieb auf dem anderen, keine Erfahrung war mehr gültig. Neue Einsichten mussten gewonnen werden.
Wo alte Denkmuster nicht mehr zu verwenden waren, formulierte Friedrich Nietzsche: „ Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“
Es war das eine Zeit, in der die Menschen gezwungen waren, über sich selbst nachzudenken, ihre Existenz und die Form ihres Zusammenlebens.
Eine Entwicklung, die verblüffend unserer heutigen entspricht, wenn auch unser Tempo noch rasanter geworden ist.
Die Wissenschaften und die Kunst nahmen die Suche nach den neuen Wahrheiten auf. Sigmund Freud sagte es plakativ: „Es gibt ebenso wenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol.“
In diese Zeit hinein wurde Egon Schiele geboren. Sie hat den jungen Maler, der nicht alt werden sollte, ebenso wie andere Künstler entscheidend geprägt.
Vor genau hundert Jahren, 1911 und 1912 kam es in Schieles Leben zu einer Dynamik, die symbolisch für diese Zeitperiode steht. Er wurde herumgewirbelt, im übertragenen Sinne auseinander genommen, fragmentiert – und damit auch der Grundstein für seine Kunst gelegt.
Gerade noch in Krumau, das in seiner Harmonie von Schiele für alle Zeiten dokumentiert ist, musste er mit der Familie vor den Vorurteilen der Menschen in der böhmischen Kleinstadt nach Neulengbach flüchten.
Wer Not und Zerrissenheit zeigte, wer auf das Elend der Menschen hinwies, war suspekt, machte Angst und wurde verfolgt.
Die 24 Tage im Gefängnis hat Schiele eindrucksvoll festgehalten, sie sind heute kunstvolle Dokumente der Zeit.
Das Belvedere gibt uns mit der Ausstellung von Selbstporträts und Porträts in dichter Fülle die Gelegenheit, das Innere einer Gesellschaft zu erkennen. Wir blicken Menschen ins Auge und dank der Kunst von Egon Schiele in die Seele.
In seinen Selbstporträts ist er selbst Zeuge für die Irritation, wie auch für die Angst, die das Leben vor hundert Jahren so sehr bestimmt haben.
Schiele hat die folgenden Entwicklungen des 20. Jahrhunderts nur mehr bis zum Ende des Ersten Weltkriegs miterlebt. Mancher Ausdruck von ihm in den Selbstporträts aber wirkt so, als hätte er in eine Zukunft geblickt, in der all das sich niedergeschlagen sollte, was die Menschen des beginnenden 20. Jahrhunderts, was die Zeitgenossen Egon Schieles nicht in den Griff bekommen konnten.
Wenn ich als Politikerin auf die gesellschaftspolitische Entwicklung vor hundert Jahren im Zusammenhang mit dem großen Künstler verweise, so tue ich das, weil wir Kunst auch heute als Seismograf , als Schule der Wahrnehmung verstehen können.
Solange sie sich in Freiheit und mit Unterstützung der Gesellschaft entwickeln kann, ist sie Hilfe zur Orientierung in einer dynamischen Welt.
Wir brauchen die kritische Kunst. Und wir sollten ihre Warnungen und Hinweise ernster nehmen, als es Schieles Zeitgenossen getan haben.
Pablo Picasso, der neun Jahre vor Schiele geboren wurde und ihn um mehr als ein halbes Jahrhundert überlebt hat, sagte einmal: „Kunst ist gefährlich. Wenn sie keusch ist, ist sie keine Kunst.“
Das müssen wir respektieren und unterstützen.
Ich danke den Kuratorinnen für den Blick in die Welt des Egon Schiele, die so nahe bei der unseren ist.
Die Ausstellung „Schiele – Selbstporträts und Portäts“ ist eröffnet.
Fotocredit: Belvedere/APA-Fotoservice/Preiss
Fotocredit: Belvedere/APA-Fotoservice/Preiss
Geändert am 17.02.2011