Wien, BMUKK, Audienzsaal, 24.02.2011
(es gilt das gesprochene Wort!)
Hoch geschätzter Herr Professor Strouhal!
meine Damen und Herren!
Foto: HBF
der österreichische Staatspreis für Kulturpublizistik gebührt Autorinnen und Autoren, die ihre Beiträge zur Kultur, zur Kulturpolitik und zum kulturellen Alltag in Medien veröffentlichen, die uns Lesern leicht zugänglich sind, sozusagen zum täglichen Umgang der Menschen gehören.
Die großen Kulturpublizisten sind aktive Beobachter, Kommentatoren und Infragesteller.
Sie, Herr Strouhal sind ein hervorragender Vertreter dieser seltenen Gattung von Autoren, die Themen des Randes und die Menschen des Randes in die Mitte der Gesellschaft tragen – Autoren, die nicht dem Mainstream folgen, sondern einen Fluss von originellen Gedanken anbieten.
Die Jury, der ich an dieser Stelle für ihre sorgfältige Arbeit danken möchte, hat Ihre Originalität, Ihre präzise Analyse und das Geistreiche in Ihrer Arbeit hervorgehoben.
Dazu kommt, denke ich, Ihr Humor.
Ihr Themenfeld, Herr Professor Strouhal, ist vielfältig, wie das kaum eines anderen Autors.
Vermutlich ist Ihre Nähe zu Vladimir Nabokov (Autor und Schachexperte) daraus zu verstehen, dass er wie Sie ein Reisender, ein die Grenzen überschreitender, ein an allen Phänomenen Interessierter war. Und dann auch aus der Liebe zum Schach, die sie beide teilen.
Was Sie für die Kultur des Schachspiels, für das wohl anspruchsvollste aller Spiele, in Österreich geleistet haben, ist bekannt.
Seit mehr als 20 Jahren erscheint im STANDARD die Schachkolumne von „ruf & ehn“ - dahinter verbergen sich Ernst Strouhal und Michael Ehn. Als Nachlese dieser Schachleidenschaft erschien 2010 der Band "En Passant“ mit 1035 Beiträge zum Thema.
Herr Professor Strouhal, Sie haben zusammen mit Herrn Michael Ehn in einer Studie über „Schach und Antisemitismus“ die jüdischen Schachspieler in Erinnerung gerufen, die dieses Spiel – ähnlich wie die Literatur – zu einem Bestandteil des Wiener Kaffeehauses und damit unserer Kultur gemacht haben.
So haben Sie den verfolgten Menschen Würde zurückgegeben und dazu beigetragen, die dunklen Teile der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten.
Es wäre aber falsch und würde Ihnen nicht gerecht werden, hier nur über das große Spiel zu reden.
Im Jahr 2009 erschien Ihr Essay-Band „Umweg nach Buckow“, in dem Sie Ihr Publikum zu Themen wie Literatur, Spiel, Kunst, Politik und Reise führen und verführen.
Vladimir Nabokov hat einen Satz geschrieben, der eine erweiterte Jurybegründung für Ihre Wahl zum Staatspreisträger für Kulturpublizistik sein könnte „Schachprobleme erfordern dieselben Tugenden wie jede künstlerische Betätigung, die diesen Namen verdient: Originalität, Einfallsreichtum, Knappheit, Harmonie, Komplexität und erhabene Täuschung.“
Diese Tugenden sind die Ihren, Herr Professor Strouhal und daher darf ich Ihnen herzlich zum Staatspreis gratulieren.
Geändert am 04.03.2011