Wien, Plenarsitzungssaal des Parlaments, 4. Mai 2011
(es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrte Frau Präsidentin (Prammer)!
Sehr geehrter Herr Bundesminister (Töchterle)!
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete!
Sehr geehrte Expertinnen und Experten!
Herzlichen Dank für die Einladung zur parlamentarischen Enquete.
Wir führen seit dem Schuljahr 1997/98 Schulversuche im Fach „Ethik“ durch, wobei in diesem Jahr bereits etwa 15.000 Schülerinnen und Schüler an 194 Standorten in Österreich daran teilnehmen.
Herr Prof. Bucher von der Universität Salzburg wird Ihnen über die Erfahrungen und Schlussfolgerungen der Schulversuche berichten, die er aus der Evaluation gezogen hat.
Ich möchte daher weniger auf diese wichtigen Erkenntnisse eingehen, als vielmehr reflektieren, welche Bedeutung „Ethik“ in der heutigen Zeit hat und haben kann.
Es wird für junge Menschen in einer Gesellschaft, die mitunter zu einseitig und bedingungslos auf Wettbewerb, auf Konkurrenz setzt, zunehmend schwierig, die Bedeutung von Kooperation, sozialem Handeln und Solidarität zu verstehen. Wenn wir hier nicht auch als Verantwortliche für Bildung gegensteuern, setzen wir den Zusammenhalt und den sozialen Frieden unserer Gesellschaft aufs Spiel. Darüber denke ich, können wir sehr schnell Einigkeit erzielen.
Albert Schweitzer hat uns gewarnt, als er gesagt hat: "Wo das Bewusstsein schwindet, dass jeder Mensch uns als Mensch etwas angeht, kommen Kultur und Ethik ins Wanken."
Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Wenn wir aber nun von „Ethik“ sprechen, müssen wir uns auch und im Besonderen darauf verständigen, welche Beiträge unsere Schule leisten kann.
Soll „Ethik“ ein Ersatzfach für den Religionsunterricht werden oder ein eigener Gegenstand, der für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich ist, oder ist es ein Querschnittsthema, das in vielen Fächern erarbeitet werden kann?
Albert Einstein hat Ethik für ein ausschließlich menschliches Unterfangen gehalten, hinter dem keine übermenschliche Autorität steht.
Dieses „menschliche Unterfangen“ gebietet, sorgfältig und präzise jene Werte zu definieren, die mit der „Ethik“ vermittelt werden sollen.
Und auch da sollten wir uns rasch und eindeutig einigen können.
So möchte ich an dieser Stelle insbesondere auf die Charta der Grundrechte der Europäischen Union verweisen, die wir als Mitgliedsstaat mit beschlossen haben und in deren Artikel 22 es heißt: „ Die Union achtet die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen.“
Schon daraus lässt sich ableiten, dass wir auf weltliche Art und Weise an die Grundwerte herangehen sollten, ohne dass wir damit die anerkannten Religionen in Frage stellen.
Das entspricht auch einem Grundwert unserer Gesellschaft, der die Trennung von Staat und Religion vorsieht. Diese Trennung hat in Österreich seit jeher zu einem produktiven Miteinander geführt, bei dem jeder Teil seine Aufgaben verantwortungsbewusst wahrnimmt.
Die Gesellschaft ist aufgerufen, den jungen Menschen klar aufzeigen, dass sie für die Werte der Menschlichkeit aktiv eintreten müssen, dass diese Werte der ständigen Absicherung und der unbedingten Verteidigung bedürfen.
Unsere Schulen haben die Verantwortung jedes Einzelnen nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gemeinschaft zu erklären und die Stärkung der persönlichen Identität jedes Einzelnen zur Aufgabe, wie dies Arno Gruen in seinem Buch „Der Fremde in uns“ eindrucksvoll beschreibt.
Es ist die Identitätsstärke, die Ich-Stärke, die die Voraussetzung für einen angstfreien Diskurs in multi-kulturellen und multi-religiösen Gesellschaften ist. Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Anteilnahme, mit einem Wort „Empathie“, ist eine Art Immunität gegen das Unmenschlich sein und gegen Fundamentalismen.
Wenn es uns gelingt, die grundsätzlichen Werte, wie Weltoffenheit, Anerkennung aller Menschen ohne Anschauung ihrer Herkunft, Religion, Rasse, ihres Geschlechts oder ihrer körperlichen und geistigen Voraussetzungen zu festigen, dann werden wir dazu beitragen, eine solidarische und lebenswerte Gesellschaft zu erhalten und zu verteidigen.
Es geht um gelebte Werte. Es geht um die eigene Urteilsfähigkeit. Es geht um die Übernahme von Verantwortung, orientiert an demokratischen und ethischen Werten. Dies ist auch in der österreichischen Bundesverfassung verankert, die einen Auftrag zur staatsbürgerlichen Bildung enthält.
Ein friedliches Gemeinwesen, wie wir es in Österreich seit bald 66 Jahren kennen, baut auf wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit und einem gemeinsamen Verständnis für das Miteinander auf.
Unsere Aufgabe als Verantwortliche in Politik und Verwaltung besteht darin, die verbindenden Werte der Gesellschaft zu vermitteln und vorzuleben.
Lassen Sie mich zum Abschluss nochmals Albert Schweitzer zitieren, der sagte: „Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt."
Lassen Sie uns, meine sehr geehrten Damen und Herren, u.a. folgende Fragen diskutieren:
Was darf der weltanschaulich neutrale Staat an Werthaltungen vorgeben?
Welchen Beitrag zum Gemeinwohl, und damit zu Fragen des interkulturellen Zusammenlebens, des interreligiösen Dialogs und der demokratischen Grundprinzipien unserer Gesellschaft kann der Religionsunterricht heute in einer pluralistischen Gesellschaft leisten?
Inwieweit können andere Fächer (wie z.B. Geschichte, Philosophie, Politische Bildung, Latein) Fragen unter verschiedensten ethischen Gesichtspunkten behandeln?
Meine Damen und Herren, ich freue mich auf die parlamentarische Enquete und Ihre Beiträge zu diesem wichtigen Thema.
Geändert am 09.05.2011