(Es gilt das gesprochene Wort!)
Herr Bundesminister
Frau Präsidentin des Nationalrates
Herr Staatssekretär
Exzellenzen
Herr Stadtrat
Sehr geehrte Damen und Herren.
Wien war und ist eine vielfältige und bunte Stadt.
Das hat ganz wesentlich mit dem Phänomen Migration zu tun. Menschen aus anderen Ländern haben nicht nur am Aufbau der Stadt mit gearbeitet, sondern sie haben das Kultur- und Geistesleben dieser Stadt entscheidend geprägt, beeinflusst und bereichert.
Gerade die jüdische Zuwanderung in das Wien der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist dafür ein gutes Beispiel.
Vor dem 1. Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit waren knapp 10% der Wienerinnen und Wiener jüdisch.
Unter ihnen waren berühmte Persönlichkeiten in Wissenschaft, Kultur, Kunst und Politik – denken wir nur an
Sigmund Freud oder Gustav Mahler, den Arzt Victor Adler, der zu den Begründern der Sozialdemokratie gehört, oder an
Theodor Herzl.
Der vielfältige jüdische Alltag im Wien der Vorkriegszeit zeigt sich an der Vielzahl der
Synagogen und Bethäuser, an den 20 jüdischen Schulen und auch an der großen Zahl an Vereinen.
Es gab allein 33 Jugendvereine, 21 Sport- und Turnvereine sowie 48 Frauenvereine. Jüdische Sportler und
Sportlerinnen errangen bis 1932 bei olympischen Spielen 3 Gold-, 6 Silber- und 10 Bronzemedaillen für Österreich.
Wäre das die österreichisch-jüdische Geschichte, so passte sie wunderbar zum Mythos des toleranten
Vielvölkerstaats Österreich, doch das wäre nur die halbe Wahrheit.
Die Wiener Juden fühlten sich als Wiener. Dennoch war es für sie alle schwierig in Wien Jude zu sein.
Denn das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden war durch den Antisemitismus stark beeinflusst.
Schon Sigmund Freud musste an der Wiener Universität die Erfahrung machen, als "minderwertig" und "nicht
volkszugehörig" angesehen zu werden. Und er war nicht allein mit dieser Erfahrung.
Wir gedenken in
diesen Tagen des Novemberpogroms vor 70 Jahren, jener gewalttätigen antijüdischen Ausschreitungen im ganzen
nationalsozialistischen Deutschen Reich und insbesondere in unserer Stadt Wien.
Die Nationalsozialisten zerstörten mit Unterstützung eines gewalttätigen Mobs Synagogen und Bethäuser, plünderten jüdische Geschäfte und Wohnungen.
Zahlreiche Menschen wurden bei diesen Ausschreitungen ermordet. Mehr als 6.500 jüdische Bürger wurden verhaftet
und viele in das Konzentrationslager Dachau deportiert.
Dieses vormals so reiche jüdische Leben in
Österreich wurde in der Folge gewaltsam zerstört. Zehntausende Jüdinnen und Juden flohen aus Österreich, 65.000 wurden
im Holocaust ermordet.
Das alles war möglich – und weil es möglich war, kann es auch wieder geschehen.
Menschen sind unter bestimmten Umständen zu Völkermord fähig – wie sie auch zu friedlichem, bereicherndem Miteinander fähig sind.
Heute, 70 Jahre nach dem Anschluss, existiert wieder eine vielfältige, bewusste jüdische Gemeinde.
Für mich war es als Bildungsministerin besonders bewegend vor einigen Wochen gemeinsam mit dem Herrn
Bundespräsidenten den neuen jüdischen Schulcampus auf dem ehemaligen Gelände des berühmten jüdischen Sportclubs Hakoah
zu eröffnen.
Und heute ist es selbstverständlich, dass an österreichischen Schulen eine angemessene
Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust gefordert und gefördert wird.
Dabei kommt es nicht nur auf historisches Wissen an: aus einer Vergangenheit, in der ein Miteinander verschiedener Kulturen gewaltsam zerstört wurde, lässt sich Wesentliches für ein gelingendes Miteinander in der Gegenwart lernen.
Divergenzen und Konflikte sind Grundbestandteile des gesellschaftlichen Lebens – es kommt einzig darauf an, wie mit Divergenzen umgegangen und wie Konflikte demokratisch ausgetragen werden.
Zuwanderung und Globalisierung bedeuten eine große Herausforderung, sind aber noch viel wesentlicher eine
Bereicherung. Auch das lässt sich an der österreichisch-jüdischen Geschichte lernen. Die Bereicherung bewusst zu
erleben und für die Konflikte demokratische und humane Formen der Austragung zu finden und zu erproben – dies sind
wesentliche Aufträge an die Schule heute.
Das von meinem Ministerium gegründete
LehererInnenfortbildungs-Institut _erinnern.at_ unterstützt dieses Lernen aus der Geschichte wie auch die zahlreichen
vom Nationalfonds der Republik Österreich geförderten Projekte an Schulen.
„Centropa“, das „Zentrum zur
Erforschung und Dokumentation jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa“ leistet dazu ebenfalls einen wichtigen
Beitrag.
Auf Initiative seines Begründers und Leiters Ed Serotta sammelt und bewahrt es einen reichhaltigen Schatz an Lebensgeschichten, Dokumenten und Fotografien.
Mit der Bibliothek der geretteten Erinnerungen stellt „Centropa“ diesen Schatz auch Schulen zur Verfügung. In
einer Kooperation mit _erinnern.at_ werden aktuell Vermittlungsmodelle erarbeitet, die die Geschichten von jüdischen
Menschen für österreichische Schülerinnen und Schüler zugänglich machen.
Auch das heute vorgestellte
Buch steht auf der Grundlage dieser beeindruckenden Sammlung. Die in ihm präsentierten Geschichten und Fotografien
erzählen vom jüdischen Leben vor der Katastrophe und in ihnen wird jener gedacht, die im Holocaust umkamen.
Sie berichten aber auch davon, wie nach der Katastrophe ein jüdischer Neubeginn in den Familien und Gemeinden möglich war.
Auch heute leben bei uns Flüchtlingskinder und auch heute stellt uns das Zusammenleben in einer
Migrationsgesellschaft vor große Herausforderungen, deren Lösung nicht alleine aber auch den Schulen überantwortet
werden darf. Die österreichischen Schulen können dann einen erfolgreichen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration
leisten, wenn sie von einem Klima der Toleranz unterstützt werden, das durch kritische und mündige Bürgerinnen und
Bürger hergestellt wird.
In diesem Zusammenhang möchte ich all jenen danken, die ihren Beitrag dazu
leisten.
Ich denke da an alle Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die im ZeitzeugInnen-Programm meines Ministeriums seit vielen Jahren Schulen besuchen und über ihre schmerzlichen Erfahrungen berichten.
Heute danke ich insbesondere jenen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die ihre Erinnerungen dokumentieren ließen, sei
es in Videointerviews oder schriftlich.
Ihre Erinnerungen werden von heutigen Jugendlichen sehr
geschätzt.
Das zeigen die ersten Erfahrungen mit DVD „Das Vermächtnis“. Dieses Lernprogramm mit gefilmten
Zeitzeugen-Erinnerungen konnte ich zu Beginn des Sommers im Parlament präsentieren und es findet große Resonanz in den
österreichischen Schulen.
Das heute vorgestellte Buch hat die Erinnerungen von 100 Zeitzeugen und
Zeitzeuginnen zur Grundlage, denen ich für Ihre gar nicht selbstverständliche Mitwirkung danke.
Ich kann mir vorstellen, dass es vielen von Ihnen nicht leicht gefallen ist, ihre Erlebnisse zu erzählen, da dies
auch mit einer großen Traurigkeit und Wehmut verbunden ist.
Mein Dank gilt auch jenen, die diese
Erinnerungen aufbereitet haben, insbesondere Tania Eckstein, die die Interviews geführt hat, der Herausgeberin Julia
Kaldori und natürlich Edward Serotta und dem gesamten Team von Centropa.
Ich danke den Förderern von
Centropa. Ihre Unterstützung ist für die wichtige Arbeit von Ed Serotta und seinem Team unerlässlich.
Es freut mich sehr, dass einige von ihnen meiner Einladung für heute Abend nach Wien folgen konnten.
Ich begrüsse sehr herzlich Herrn Shale Stiller, den Präsidenten der Harry und Jeanette Weinberg Foundation und
seine Frau, Richterin Ellen Heller, die Präsidentin des American Jewish Joint Distribution Committee, sowie Dr. Jeffrey
Solomon, den Präsidenten der Charles und Andrea Bronfman Foundation und seine Frau Audrey sowie Herrn
Kongressabgeordneten Robert Wexler und Herrn Präsidenten Dr. Ariel Muzicant.
Weiters gilt mein Dank den
Financiers des Buches, neben meinem Ministerium sind dies der Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des
Nationalsozialismus, die Kulturabteilung der Stadt Wien sowie das Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz.
Ich freue mich auf die Präsentation des Buches und wünsche uns allen einen schönen Abend.
Danke.
Geändert am 02.12.2008