Rede der Frau Bundesministerin Dr. Claudia Schmied anlässlich des Technorama-Forums am 31. Oktober 2007 in Winterthur

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrter Herr Direktor!
Sehr geehrte Frau Regierungsrätin!
Sehr geehrter Herr Stadtpräsident!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich bedanke mich für die Gelegenheit, aus Anlass des Technorama-Forums zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Später Beginn des Dialogs

Während in den angelsächsischen Ländern, etwa in den USA oder England, eine Kultur der Wissenschaftsinformation schon früh Platz gegriffen hat, hatten Forscher auch in Österreich - noch lange die Haltung, ihre Aufgabe bestünde ausschließlich aus dem Forschen.

Nur geringe Aufmerksamkeit wurde der Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlung von Forschungsergebnissen gewidmet.

Wissenschaft muss sich öffnen

Der österreichische Beitritt zur Europäischen Union und die Teilnahme an den Rahmenprogrammen, also den Förderprogrammen für Forschung und Technologie-Entwicklung haben alle involvierten Länder verpflichtet, neue, wie ich meine, sinnvolle Regeln, darunter auch solche der Information über die eigenen Aktivitäten einzuhalten.

Die Bürger und Bürgerinnen der großen europäischen Gemeinschaft haben das Recht zu erfahren, welche Wege die Forschungspolitik einschlägt und wohin öffentliche Mittel fließen.

Auch im nationalen Kontext hat in den letzten zehn bis zwanzig Jahren ein Prozess begonnen, jede staatliche Ausgabe kritischer in Frage zu stellen und auf ihren Nutzen zu überprüfen. Forschung musste daher auch aus diesem Grund damit beginnen, den Sinn ihres Tuns zu erklären. Die öffentliche Anerkennung wurde zur notwendigen Basis für politische Unterstützung und in der Folge für finanzielle Förderung.

Ein weiterer Grund, warum Wissenschaft sich neu positionieren und ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit revidieren musste, liegt in der besonderen Geschichte Österreichs im vorigen Jahrhundert begründet.

Es gab so etwas, was Experten als „kollektives Minderwertigkeitsgefühl“ und zugleich Misstrauen gegenüber der Wissenschaft bezeichnen.

Schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und dann exzessiv in der nationalsozialistischen Ära wurde die Vernunft zuerst vertrieben, später vernichtet. Nach der Schreckenszeit wurden keine adäquaten Anstrengungen unternommen, die Vertriebenen für den Wiederaufbau der wissenschaftlichen Strukturen zurückzuholen. Es fehlten die großen Köpfe und damit auch die großen Lehrerinnen und Lehrer.

Das hat Österreich durch viele Jahrzehnte geschadet und verlor seine negativen Auswirkungen erst ab Mitte der 1990er Jahre durch die Öffnung des Landes in Richtung Europa. Die Skepsis gegenüber den Wissenschaften und ihre Schwäche hatte zum Teil auch schwerwiegende Konsequenzen für einzelne Disziplinen.

Mehr Geld für Forschung

Soweit der Befund aus einer noch nicht allzu weit zurückliegenden Vergangenheit. Ich darf jedoch mit einigem Stolz darüber berichten, dass Österreich sich im Bereich der Forschung und der damit verbundenen „Awareness“ auf Überholkurs befindet. Dazu einige Fakten:

Die Geldmittel für Forschung in Österreich liegen deutlich über dem Schnitt der gesamten EU. Die letzten vorliegenden Zahlen für 2005 zeigen Forschungsausgaben in der EU von 1,85 Prozent des BIP, jedoch bereits 2,42 Prozent für Österreich. Und für 2007 liegt für mein Land eine Prognose vor, die von einer Forschungsquote von 2,54 Prozent des BIP spricht.

Die österreichische Bundesregierung hat sich darüber hinaus für das Jahr 2010 das ambitionierte Ziel von 3 Prozent des BIP gesteckt. Wir befinden uns auf gutem Weg.

Der Dialog hat begonnen

Warum es aber hier und heute gehen soll, sind weniger die harten Zahlen der Forschungsförderung, als vielmehr der Dialog der in Österreich nunmehr sehr lebendigen Wissenschafts-Community mit der Bevölkerung.

Seit Forscher und Forschungsförderer erkannt haben, dass sie die Bürger an ihrer Seite brauchen, ist ein sehr guter Weg eingeschlagen worden.

Als Bildungsministerin freut mich besonders, dass klar erkannt wurde, dass es die Kinder, dass es die heranwachsenden Generationen sind, die es gilt, auf die Reise der Wissenschaft in die Zukunft mitzunehmen und sie für das Unbekannte, das Neue, das Riskante zu begeistern.

Es ist auch erkannt worden, dass nicht die Belehrung, also die gerichtete Information das Instrument der Öffentlichkeitsarbeit sein kann, sondern dass es um eine Begegnung auf Augenhöhe gehen muss, um mündige Bürger und Bürgerinnen zu überzeugen und zum Teil einer auf sinnvolle Fortentwicklung ausgerichteten Bewegung zu machen.

Weil Wissenschaft in der Gesellschaft stattfindet, braucht sie das Vertrauen der Gesellschaft. Damit verbunden geht es auch ganz wesentlich um die dauerhafte Bereitschaft der scientific community, sich ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst zu sein und sich nicht von jenen abzukapseln, für die sie ihre Forschung betreiben.

Beispiele für den Dialog

Ich möchte über einige Projekte berichten, die den neuen Weg des Dialogs in Österreich exemplarisch zeigen.

Im Jahr 2003 wurde die erste österreichische Konsensus-Konferenz zum Thema „Genetische Daten“ abgehalten. Ich erwähne das hier gerne, weil dieses aus den USA stammende Instrument der Bürgerbeteiligung an Entscheidungen zu komplexen Forschungsthemen über Dänemark und in der Folge auch über die Schweiz ihren Platz in Europa gefunden hat.

Es geht hier darum, eine heterogene Gruppe von Bürgern und Bürgerinnen aus verschiedenen Bildungsschichten, Altersgruppen und auch aus verschiedenen Landesteilen einzuladen, sich in einem moderierten Prozess mit einem Wissenschaftsthema zu befassen und ihre Schlussfolgerungen der Politik zur Verfügung zu stellen.

Ein anderes Dialoginstrument, das ich erwähnen möchte, ist die „Lange Nacht der Forschung.“ In Österreich gibt es eine Tradition der Langen Nächte.

Da gibt es die „Lange Nacht der Museen,“ in der alle Ausstellungshäuser bis weit über Mitternacht geöffnet haben und enorme Besucherströme anlocken, dann gibt es die „Lange Nacht der Musik“ und selbst die Kirchen haben das Konzept übernommen.

Die „Lange Nacht der Forschung,“ die im Jahr 2005 in den Städten Wien, Linz und Innsbruck durchgeführt wurde, entsprach in ihrer Konzeption schon ein wenig dem Gedanken des Netzwerkes. Unter dem Motto „into science!“ bereiteten Forschungsteams aus vielen Disziplinen, wie etwa Architektur, IT, Medizin, Technik oder Umwelt in 150 "Stationen der Forschung" ihre Arbeiten auf.

Sie zeigten, wo Forschung passiert, wie Forschungsfragen entstehen und wie die Gesellschaft von aktuellen Forschungen beeinflusst wird. Besucher hatten dabei die Möglichkeit, an Forschungsprozessen aktiv teil zu haben, Forschern ganz persönlich zu begegnen und mit ihnen und anderen Interessierten aktuelle Fragen und Entwicklungen in Forschung und Gesellschaft zu diskutieren.

Im nächsten Jahr will die Stadt Wien eine ähnliche Art von Veranstaltung durchführen. Immer geht es darum, dass die Vorort-Aktivitäten von den Wissenschaftlern selbst durchgeführt und nur der organisatorische Rahmen und die Öffentlichkeitsarbeit einer zentralen Einrichtung übertragen werden.

Forschermangel

Nach Schätzungen der EU-Kommission aus 2005 werden nicht weniger als zusätzliche 700.000 Forscher benötigt, um die Forschungs- und Entwicklungsausgaben auf das EU-Ziel von drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu bringen.

Die Kommission sieht durch diese Entwicklung auch die so genannten Lissabon-Ziele zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas bedroht.

Ein Weg, auf diesen Mangel und den damit einhergehenden Wettbewerb um Forscher zu reagieren, ist junge Menschen zu begeistern und ihnen den Weg in einen attraktiven Beruf, eben jenen des Forschers aufzuzeigen.

Wir befinden uns in Österreich derzeit in einer sehr intensiven, deutlich gegensätzlichen Diskussion um die Erneuerung des Bildungssystems.

Zusätzliche Aufgaben für die Schulen

In allen europäischen Ländern erleben wir einen Wandel, der die Familien voll erfasst und die Erziehung der Kinder wesentlich beeinflusst. Viele Mütter und Väter können, wegen des auf ihnen lastenden Leistungsdrucks heute nicht mehr all das bieten, was Kinder für ihre Orientierung und Entwicklung brauchen.

Die Schule muss daher zusätzliche Aufgaben übernehmen und sie muss ihre bisherigen Aufgaben im Sinne einer lernenden Organisation immer neu denken.

Vor allem die Vermittlung von Werten wie Integrität, Zivilcourage, Verantwortung sowie von Kompetenzen wie Kreativität, Flexibilität, Kommunikations-, Konflikt- und Teamfähigkeit und das soziale Lernen erfordern eine Weiterentwicklung der Lernkultur an den Schulen.

Bildung, Innovation und Kreativität müssen stärker als bisher übergreifend betrachtet und sozusagen „zusammen gedacht“ werden.

Science Centers – Modell für die Schule

Alles, was interaktive Wissenschaftszentren, was Science Centers bieten, kann auch als Vorbild für die Schule gelten. Es geht um das Wecken von Interesse, Neugier, Wissensdrang, um Antriebe, die die jungen Menschen ihr ganz Leben hindurch begleiten sollen.

Denn die Wissensgesellschaft, die Leistungsgesellschaft kann nur gelingen, wenn die Menschen Lust und Bereitschaft haben, sich ständig weiter zu entwickeln und damit weiter zu bilden.

Science Centers, wie das Technorama, sind Modelle für eine neue Form des Lernens. Es wird hier ohne Prüfungsdruck gelernt, der einzige Antrieb ist die Lust am Lernen. Neugier wird gefordert und gefördert. Und diese Neugier ist der Antrieb für ein Leben als mündiger Bürger, als mündige Bürgerin. Es werden hier Ängste vor der Berührung mit Wissenschaft und Technologie-Entwicklung abgebaut.

Schließlich dient diese Form des Lernens auch dem Erwerb von demokratischem Bewusstsein. Wer hinterfragt, kommt hinter die Fassade und lernt zu ändern und zu gestalten. Wer seine Hände „hands on“ verwendet und seine Intelligenz „minds on,“ dem kann kein Populist mit inhaltsleeren Phrasen mehr den Kopf verdrehen.

Ich halte es für keinen Zufall, dass in einem Land mit einer bewunderten demokratischen Tradition, wie dem ihren, ein derart vorbildliches Science Center zu finden ist.

Schließlich – und das ist mir als für Kultur zuständige Ministerin wichtig – vermitteln Science Centers Wissenschaft als einen Teil unserer Kultur. Und auch das ist etwas, was wir wieder begreifen müssen. Die einzelnen Disziplinen der Gesellschaft sind nicht getrennt voneinander anzusehen, sondern sind alle Teil eines Ganzen, das wir gestalterisch mit Leben erfüllen müssen.

Science Center-Aktivitäten in Österreich

Meine Damen und Herren, wenden wir uns zum Schluss den österreichischen Science Center-Aktivitäten zu. Es gibt, ich habe das schon ausgeführt, kein einzelnes Zentrum in meinem Land, das ähnlich wie das Technorama an einem Standort Experimente, Mitmachstationen und hands-on wie minds-on-Aktivitäten versammelt.

Aber ich kann mit Stolz berichten, dass wir in unserem Land eine spannende Annäherung an das Prinzip Science Centers gefunden haben, das in seiner Wirkung, wenn es sich denn gut weiterentwickelt, jener der herkömmlichen Science Centers nicht nachstehen wird.

Im Jänner des Jahres 2006 hat Margit Fischer (die Frau des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer), die heute auch hier bei uns ist, ihre Begeisterung für die Wissenschaft in ein Projekt „Science Center Netzwerke“ einfließen lassen.

Dieses Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Aktivitäten der Sichtbarmachung von Wissenschaft, die einem partizipativen Sinne folgen, miteinander zu verbinden und sie in ihrer Tätigkeit zu unterstützen.

Das beinhaltet das Element des von einander Lernens ebenso, wie das zeitweilige gemeinsame Auftreten, um an wechselnden Orten Science Center-Elemente zu zeigen.

Konkrete Aktivitäten des Science Center Netzwerks

Das Science Center Netzwerk hat 1 3/4 Jahre nach seiner Gründung bereits 70 Partner, davon 52 Institutionen und 18 Einzelpersonen.

Aus dem Mangel an einem großen Science Center ist mit dem Science Center Netzwerk so etwas wie eine Tugend geworden. Der ehemalige Leiter des berühmtesten Science Centers der Welt, des Exploratorium in San Francisco, Goéry Delacôte sagte anlässlich eines Besuchs in Österreich dazu: „Wenn diese Initiative in den kommenden Jahren vorangetrieben wird, könnte das extrem interessant sein für Österreich, aber auch für jedes andere Land. Ich finde die Idee sehr originell und denke, dass Österreich damit ein Vorbild sein könnte, was man für die Vermittlung von Wissenschaft tun kann.“ (Zitat aus Interview mit ORF/Ö 1 – Dimensionen mit Sonja Bettel).

Sie haben mit dem Technorama bereits ein Symbol geschaffen, auf das Sie zur Recht stolz sein können.

Vielleicht sollten wir die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Österreich nicht auf den Fußball und die kommende, gemeinsame Europameisterschaft beschränken, sondern eine Kooperation des Technorama mit dem Science Center Netzwerk andenken.

Ich darf Ihnen jedenfalls herzlich zur Qualität Ihres Science Center, zum Technorama gratulieren und mich an dieser Stelle für Ihre Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft herzlich bedanken.

Geändert am 31.10.2007

 top