(Es gilt das gesprochene Wort!)
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Im Rahmen des Lissabon-Prozesses wird vom Wissensdreieck „Bildung - Forschung – Innovation“ gesprochen und
darüber, dass der Eckpunkt „Bildung“ in diesem Dreieck gestärkt werden muss. Ich stimme dem voll zu.
Qualitatives Wachstum ist nicht selbstverständlich. Wir müssen Maßnahmen setzen.
Was bedeutet das konkret, welche Aufgaben hat Bildung in diesem Dreieck?
Bildung ist eine Kernaufgabe des Staates! Innovation braucht eine breite Basis! Spitzenleistung braucht eine breite Basis! Begabungen und Kreativität aller Menschen müssen bereits von einem frühen Stadium an umfassend gefördert werden. Es geht um Neugier, Entdeckergeist und Eigenständigkeit.
Es gibt in Österreich große Bevölkerungsgruppen - ich denke hier besonders an sozial Benachteiligte, aber auch an Menschen mit Migrationshintergrund -, die in ihren Potenzialen noch nicht ausreichend gefördert werden und deren kreatives und innovatives Potenzial derzeit nicht zur Entfaltung kommt.
Qualifikation und Beschäftigungsfähigkeit hängen eng miteinander zusammen.
Es ist eine Grundvoraussetzung für Leben und Arbeit in einer innovationsorientierten Wissensgesellschaft, dass möglichst alle Menschen über zentrale Schlüsselkompetenzen, wie Lesen, Schreiben, Mathematik, Fremdsprachen und über soziale und kulturelle Kompetenz sowie Unternehmergeist und Kreativität verfügen. Es geht bei Bildung um mehr, als reine Wissensvermittlung! Es geht auch um die Vermittlung von Werten.
Die Bedeutung von Schule für die Vermittlung von sozialen Kompetenzen und als Ort der Persönlichkeitsentwicklung wird weiter steigen. Kunst und Kultur müssen dabei eine größere Rolle spielen.
So ist es etwa in Südkorea obligatorisch, dass Studierende der Technik auch musische Gegenstände absolvieren. Kulturelle Bildung fördert die Kreativität, die geistige Flexibilität, die Sozialkompetenz, die Kommunikations-, Konflikt- und Teamfähigkeit, und gibt wichtige Anhaltspunkte für die Gestaltung des Lebens in einer zunehmend beschleunigten Welt.
Die Vermittlung von Kompetenzen statt bloßem Wissen erfordert einen Paradigmenwechsel in der Lernkultur. Wir müssen den Geist der Schule verändern. Der Schüler/die Schülerin muss im Mittelpunkt stehen. Es geht um innere Verantwortung von Lernen, um positive Emotion, Respekt im Klassenzimmer. „Verstehen“ ist ein Menschenrecht.
Meine Damen und Herren, wir müssen in die Neugestaltung von Lernen investieren – lebensbegleitendes Lernen muss zur Selbstverständlichkeit werden. Wir brauchen eine ganzheitliche und vernetzte Ausrichtung von Allgemeinbildung, beruflicher Bildung und Weiterbildung. Die Sozialpartner fordern das sehr deutlich in ihrem Positionspapier „Chance Bildung“ und leisten damit wertvolle Unterstützung für den Reformprozess. Das Papier 2020 der Industriellenvereinigung geht ebenfalls in diese Richtung!
Wir brauchen ein Bildungssystem mit transparenten und durchlässigen Übergängen, - kein einmal eingeschlagener Bildungs- oder Ausbildungsweg darf zu einer „Bildungssackgasse“ werden.
Wichtige Projekte sind: Nachholen von Bildungsabschlüssen, Lehre und Matura, Berufs- und Bildungsinformation.
Zur Vermittlung von Innovationskompetenzen brauchen wir hochqualifizierte und motivierte Lehrkräfte, ihre
Auswahl, Ausbildung und Weiterbildung sind Schlüsselfaktoren in diesem Zusammenhang. Individuelle Begabungen auch bei
den Lehrenden müssen erkannt und gefördert werden, die Qualität des Unterrichts muss kontinuierlich weiterentwickelt
werden. Schulen müssen zu Zentren für Innovation und Kreativität werden. Wir müssen Schulen mit gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Entwicklungen harmonisieren.
Über das Thema „Verantwortung“ müssen wir große Gespräche
führen.
Als Bildungsministerin setze ich mich dafür ein, dass durch Initiativen wie IMST(Innovations in Mathematic, Science and Technology Teaching) eine Weiterentwicklung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts ermöglicht wird und sich dadurch mehr Jugendliche für diese Fächer begeistern. Im Rahmen von IMST arbeiten Lehrerinnen und Lehrer an der Qualitätssteigerung ihres Unterrichts, kreative Projekte werden durchgeführt und die Attraktivität naturwissenschaftlichen Unterrichts in enger fächer- und schulübergreifender Zusammenarbeit und unter Einsatz innovativer Methoden gesteigert. Die Vernetzung erfolgt sowohl auf regionaler Ebene (in den Bundesländern) als auch mit thematischem Bezug (in den einzelnen Fächern). Wir müssen insbesondere das Interesse von Mädchen und Frauen für naturwissenschaftliche Fächer aktiv fördern.
Auch im Rahmen von „Jugend innovativ“, dem größten österreichischen Schulwettbewerb, bei dem bisher 3.602 Projekte in den Bereichen Business, Design, Engineering und Science eingereicht wurden, haben bisher über 32.000 Schülerinnen und Schüler bewiesen, welches kreative Potenzial in ihnen steckt. Durch den Bewerb wird der Prozess der Innovation von der kreativen Idee bis zur Umsetzung in einem konkreten Projekt bereits in der Schule erlebbar. Ergänzend dazu können sich Pädagoginnen und Pädagogen im Rahmen der „Teaching Innovation“ Seminare weiterbilden und ihren Unterricht kreativer und innovativer gestalten.
Diese Initiativen müssen weiter ausgebaut werden und ich lade Sie, sehr geehrte Damen und Herren, dazu ein, mit mir gemeinsam an einer intensiven Vernetzung der Bildungsinstitutionen mit Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zu arbeiten. Unser Bewusstsein muss wachsen, dass diese Bereiche nicht unabhängig von einander gesehen werden können.
Bildungspolitik ist Schulpolitik ist Gesellschaftspolitik ist Wirtschaftspolitik. Ich schließe mit einem Zitat von Hartmut Hentig: „Wo keine Freude ist, dort ist keine Bildung.“
Geändert am 27.11.2007