Die Berufsreifeprüfung: Eine erste Evaluierung



im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten , der Bundesarbeitskammer und der Wirtschaftskammer Österreich ; Kurzfassung, Dezember, 1999.

Autor/innen :
Mag. Susanne Klimmer (IBW)
Mag. Peter Schlögl (ÖIBF)


Die Berufsreifeprüfung – eine erste Evaluierung

Mit September 1997 trat das Gesetz über die Berufsreifeprüfung (BGBl. I Nr. 68/1997) in Kraft. Seither besteht für Lehrabsolvent/innen mit abgelegter Lehrabschlussprüfung , Absolvent/innen mindestens dreijähriger berufsbildender mittlerer Schulen sowie für Absolvent/innen von Krankenpflegeschulen oder mindestens 30 Monate dauernder Schulen für den medizinisch-technischen Fachdienst die Möglichkeit, auf Basis des im Rahmen der Berufsausübung erworbenen praxisbezogenen Wissens die Berufsreifeprüfung abzulegen.

Diese ist der Reifeprüfung an höheren Schulen insofern gleichwertig , als sie zum Studium an österreichischen Universitäten und Fachhochschulen sowie zum Besuch von Kollegs etc berechtigt und zumindest im Bundesdienst als Erfüllung der Erfordernisse für eine Einstufung in den gehobenen Dienst gilt.

Die Berufsreifeprüfung setzt sich aus vier Teilprüfungen zusammen: Deutsch , Mathematik und eine lebende Fremdsprache nach Wahl der Kandidat/innen (in den meisten Fällen Englisch ) als Teile der Allgemeinbildung, sowie ein Fachgebiet aus der beruflichen Praxis, das von den Kandidat/innen gut beherrscht wird. Die Prüfung im gewählten Fachbereich entfällt derzeit für Personen mit Meisterprüfung, abgeschlossener Werkmeisterschule oder 3-jähriger Fachakademie. Ebenso werden bereits bestandene Teile der Reifeprüfung an höheren Schulen anerkannt.

Mit der Berufsreifeprüfung wird erstmals in Österreich im Berufsleben erworbenes Praxiswissen schulischem theoriebezogenem Wissen formell gleichgestellt .

Formell ist die Berufsreifeprüfung als Externistenprüfung an einer höheren Schule anzusehen. Darüber hinaus kann das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur(BMBWK) Vorbereitungslehrgänge an anerkannten Erwachsenenbildungseinrichtungen als gleichwertig anerkennen, wenn die Ausbildung jener einer höheren Schule entspricht. In solchen vom Ministerium anerkannten Lehrgängen können auch die jeweiligen Teilprüfungen abgelegt werden.


 top 

Die Mindeststundenanzahl beträgt für Lehrgänge in Deutsch 160 , in Mathematik und der lebenden Fremdsprache jeweils 180 und im Fachbereich 120 Stunden . Zumindest eine der vier Teilprüfungen muss jedoch in jedem Fall an einer höheren Schule absolviert werden. Diese Schule entscheidet auch über die Zulassung zur Berufsreifeprüfung und stellt nach Ablegen aller Teilprüfungen das Reifeprüfungszeugnis aus.

Sehr schnell, nämlich bereits im Herbst 1997 wurden von verschiedenen Erwachsenenbildungseinrichtungen (WIFI, bfi, VHS, LFI) Lehrgänge angeboten. Mittlerweile liegt über das gesamte Bundesgebiet eine mehr oder weniger dichte Angebotsstruktur vor. Durch eine Novellierung des BRP-Gesetzes sowie des Schulorganisationsgesetzes wurde auch die Basis für schulische Vorbereitungsangebote gelegt. Diese beginnen sich nun – vorwiegend im Bereich der berufsbildenden Pflichtschulen – zunehmend zu etablieren.

Eine exakte Angabe der Anzahl der Teilnehmer/innen in Lehrgängen zur Vorbereitung ist gegenwärtig nicht möglich, da einerseits keine laufende Berichtspflicht von anbietenden Einrichtungen etwa an die Abteilung für Statistik im BMUkA besteht und andererseits die Organisationsform durch Teilprüfungen für manche Anbieter eine Unterscheidung von Teilnahmen und Teilnehmer/innen schwer macht.

Eine Erhebung bei anbietenden Einrichtungen Mitte Mai 1999 ergab eine Teilnehmer/innenzahl von österreichweit 4.512 Personen (mit oben erwähnten Unsicherheitsfaktoren). Diese Zahl zeigt einerseits, wie groß der Bedarf nach dieser bildungspolitischen Innovation war bzw ist, andererseits aber auch, wie erfolgreich die Umsetzung dieses Instruments in einer ersten Phase war.

Im März dieses Jahres wurde das IBW gemeinsam mit dem ÖIBF beauftragt, eine erste Evaluierung der Berufsreifeprüfung durchzuführen. Diese Evaluierungsstudie teilt sich im Wesentlichen in eine Implementationsbeschreibung auf Ebene der Bundesländer und Ergebnisse von empirischen Erhebungen bei Teilnehmer/innen, Lehr- und Prüfungspersonen sowie Unternehmen.

Im Form von Expert/innengesprächen bei Fachabteilungen des BMUK, Schulaufsichtsbehörden und Bildungsanbietern erfolgte die Erhebung des gegenwärtigen Status der Implementierung und offene Fragestellungen in den neun Bundesländern. In diesem Zusammenhang wurden zum Teil auch Prozesse identifiziert, die noch nicht abgeschlossen sind.

Das engagierteste Bundesland in dieser ersten Etappe der Umsetzung war Oberösterreich . Dies ist einerseits auf die finanzielle Unterstützung der Teilnehmer/innen über das Bildungskonto Oberösterreich, andererseits aber auch auf einen gut entwickelten Dialog zwischen den einzelnen an der Berufsreifeprüfung beteiligten Institutionen zurückzuführen. Die Erwachsenenbildungseinrichtungen WIFI , bfi und die Volkshochschule Linz bieten flächendeckend Vorbereitungslehrgänge auf die Berufsreifeprüfung an. Darüber hinaus haben auch Berufsschulen begonnen, in Zusammenarbeit mit höheren Schulen Vorbereitungskurse auf die Externistenprüfung anzubieten.

Dieser Erfolg zeigt jedoch auch die Grenzen, auf die die Berufsreifeprüfung hinsichtlich der Verwaltung stößt: Durch die enormen Teilnehmer/innenzahlen – insbesondere in Oberösterreich bereits gleich nach Einführung der Berufsreifeprüfung – ist es den Schulaufsichtsbehörden mit den vorhandenen Personalressourcen nicht möglich , eine landesweite Dokumentation aller Lehrgangsteilnehmer/innen sowie Prüfungskandidat/innen zu gewährleisten. Darüber hinaus ist der regelmäßige Besuch von Prüfungen in Erwachsenenbildungseinrichtungen durch die zuständigen Landesschulinspektor/innen auf Grund der Vielzahl von Prüfungsterminen schwierig geworden.


 top 

Um die Akzeptanz und Einschätzung der BRP bei Teilnehmer/innen, Lehr- und Prüfungspersonen sowie Unternehmen ermitteln zu können, waren vielfältige empirische Erhebungen notwendig. In den Monaten Mai/Juni 1999 wurde eine schriftliche, vollstandardisierte Befragung der Teilnehmer/innen an Vorbereitungslehrgängen durchgeführt, deren Rücklauf mit etwa 1.750 Fragebögen enorm war.

89% der Lehrgangsteilnehmer/innen gehen gleichzeitig zum Lehrgangsbesuch einer Berufstätigkeit nach. Die Verteilung auf die Bildungsabschlüsse, die im Gesetz als Zugangsvoraussetzungen festgelegt sind, stellen sich folgendermaßen dar:

  • Lehrabschluss 63% ,
  • berufsbildende mittlere Schule 32% und Gesundheits- und Krankenpflegeschule bzw
  • Schule für medizinisch-technischen Fachdienst 8% .

Als zentrale Gründe der Entscheidung für die Berufsreifeprüfung wird von knapp zwei Dritteln der Teilnehmer/innen genannt „etwas Neues dazu lernen“ zu wollen. Auch das Nachholen von Versäumtem , berufliche Höherqualifikation und Zugang zu höherer Bildung wird oft als sehr wichtig genannt.

Die Geschlechterverteilung in den Vorbereitungslehrgängen kommt mit 52,5% Frauen und 47,5% Männern der Gesamtpopulation Österreichs sehr nahe.

Der überwiegende Teil der Lehrgangsteilnehmer/innen in der Stichprobe ist zwischen 20 und 29 Jahre alt , 15% sind 35 Jahre und älter . Mehr als 60% der befragten Teilnehmer/innen sind in Dienstleistungsberufen , im Handel , im öffentlichen Dienst oder im Bankwesen beschäftigt, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass Vorbereitungslehrgänge im Fachbereich Betriebswirtschaftslehre von nahezu allen Erwachsenenbildungseinrichtungen angeboten werden.

Knapp drei Viertel der Befragten haben sich – in Kenntnis anderer Weiterbildungsmöglichkeiten wie Studienberechtigungsprüfung etc – für die Berufsreifeprüfung entschieden, um damit Zugang zu jedem postsekundären Bildungsangebot zu haben.

Etwa ein Drittel der Personen mit konkreter Studienabsicht plant den Beginn eines Universitätsstudiums , weitere rund 40% den Besuch eines Fachhochschul-Studiengangs , eines Kollegs , einer Pädagogischen Akademie oder einer Sozialakademie . Aber auch die Möglichkeit, sich beruflich höher zu qualifizieren spielte für 41% der Befragten eine wichtige Rolle in der Entscheidung für die Berufsreifeprüfung.

Obwohl etwa drei Viertel der Kursteilnehmer/innen mehr als einen Kurs pro Semester belegen, sind 88% der Teilnehmer/innen davon überzeugt, den Kurs in der von ihnen geplanten Zeit absolvieren zu können.

Bemerkenswert erscheint das Ergebnis, dass mit der Zahl der in einem Semester belegten Kurse der Optimismus der Teilnehmer/innen steigt, in ihrer Zeitplanung bleiben zu können. Mit Abstand die am häufigsten genannten Hinderungsgründe sind „Beruf“ und „Kursanforderungen“ , was oftmals mit einer falschen Einschätzung der Anforderungen, die mit der Ablegung der Berufsreifeprüfung an die Kandidat/innen gestellt werden, zusammenhängt.


 top 

Die Befragung von Lehr- und Prüfungspersonen im Rahmen von Lehrgängen, die auf die Teilprüfungen der Berufsreifeprüfung vorbereiten, hat ergeben, dass nicht zuletzt durch die Qualitätskriterien für als gleichwertig anerkannte Lehrgänge 72% der Lehrpersonen primär an öffentlichen oder mit Öffentlichkeitsrecht ausgestatteten Schulen arbeiten. Rund 77% der Befragten geben an, aus Spass an der Arbeit mit Erwachsenen die Tätigkeit in Lehrgängen auszuüben. Überaus groß ist der Anteil der Lehrpersonen, die sich gegenwärtig in fachlicher (54%) , didaktischer (39%) oder pädagogischer (22%) Weiterbildung befinden.

Weiters wurde im Rahmen der Studie eine Befragung österreichischer Unternehmen durchgeführt, um deren Einstellung zur Berufsreifeprüfung zu erfassen. In dieser Erhebung zeigte sich, dass bei den befragten Unternehmen Informationsdefizite hinsichtlich der Berufsreifeprüfung vorhanden sind.

78% der Unternehmen beurteilen die Berufsreifeprüfung als sinnvoll . Gründe dafür sehen die Unternehmen in der Verbesserung der Allgemeinkenntnisse der Mitarbeiter/innen (Kommunikationsfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse, etc) ebenso wie in der beruflichen Höherqualifizierung .

Trotz der Sorge vieler Unternehmen, Mitarbeiter/innen würden nach Ablegung der Berufsreifeprüfung höhere Gehaltsanforderungen stellen oder das Unternehmen überhaupt verlassen , sind drei Viertel der Unternehmen bereit, Mitarbeiter/innen beim Besuch von Vorbereitungslehrgängen entweder durch Flexibilisierung der Arbeitszeit oder aber auch finanziell zu unterstützen .

Ein integraler Teil der Studie war die flächendeckende Erhebung aller Angebote zur Vorbereitung auf die BRP. Diese Ergebnisse wurden im September 1999 gesondert in der Broschüre: „BRP – Vorbereitungen auf die Berufsreifeprüfung, 1999/2000 in Österreich“ vom Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten herausgegeben. Dort sind nach Angaben der Anbieter Informationen über Angebote, Kursformen, Kosten u.a. detailliert dargestellt.

Dass das Instrument Berufsreifeprüfung noch in einer ersten Erprobungsphase ist und flexibel an Anforderungen angepasst werden kann, zeigt die Tatsache, dass auch im Zeitraum der Evaluierungsstudie von April bis September 1999 Veränderungen an den Rahmenbedingungen vorgenommen wurden. So wurde eine Anrechnung von im Rahmen von Freigegenständen an berufsbildenden Pflichtschulen erworbenen Kenntnissen für Lehrgänge an Erwachsenenbildungseinrichtungen ermöglicht. Über eine Ausweitung der Ausbildungen, die die Teilprüfung im Fachbereich ersetzen können, wird derzeit nachgedacht.

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der Studie, dass gemessen an der Teilnehmer/innenzahl, der Zielgruppenerreichung und der positiven Einschätzung der Unternehmen bezüglich des Konzepts der Berufsreifeprüfung von einer erfolgreichen Implementierung gesprochen werden kann. Anfängliche Unsicherheiten und Informationsdefizite bei betroffenen Institutionen und Personen werden zunehmend abgebaut . Auch die schulischen Formen der Vorbereitung nehmen quantitativ an Bedeutung zu.

Geändert am 16.01.2002

 top