GZ 29.540/4-V/3c/99
Sachbearbeiter:
MinR Mag. Johann WALTER
Telefon: 0043-1/531 20-2531
Telefax: 0043-1/531 20-2599
E-Mail: johann.walter@bmbwk.gv.at
Rundschreiben Nr. 18/1999
Verteiler: VII/2
Sachgebiet: Unterrichtsprinzipien
Inhalt: Leseerziehung
Geltung: unbefristet
Grundsatzerlass Leseerziehung
Einführung
Bildungs- und Erziehungsauftrag der österreichischen Schule ist es, der Leseerziehung in
Verbindung mit Sprecherziehung besondere Bedeutung beizumessen. Leseerziehung ist ein integrierender Bestandteil der
Grundschule, eine zentrale Bildungs- und Lehraufgabe des Unterrichtsgegenstandes Deutsch sowie in den Lehrplänen als
Unterrichtsprinzip festgelegt.
Unterrichtsprinzipien tragen zur Verwirklichung jener Bildungs- und Erziehungsaufgaben bei, die nicht einem Unterrichtsgegenstand oder wenigen Unterrichtsgegenständen zugeordnet werden, sondern die fächerübergreifend im Miteinander vieler oder aller Unterrichtsgegenstände wirksam werden. Die Umsetzung derUnterrichtsprinzipien im Schulalltag erfordert eine Koordination der einzelnen Unterrichtsgegenstände unter Nutzung aller Querverbindungen.
Dieser Erlass weist auf die Bedeutung und die Funktionen des Lesens (der Sprecherziehung)
angesichts neuer Informations- und Kommunikationstechnologien hin.
Er gibt Lehrerinnen und Lehrern aller Unterrichtsgegenstände und Schularten Richtlinien bzw. Anregungen um
Bedeutung und Funktionen des Lesens
Lesen fördert den Erwerb und die Verwendung von Sprache in ihrer Funktion als Medium des Denkens, des Informationsaustausches und der Gestaltung von Beziehungen. Dadurch hat Lesen zentrale Bedeutung für die individuelle Entwicklung im kognitiven, emotionalen, sozialen, kreativen und pragmatischen Bereich und schafft Grundlagen für selbst bestimmtes und selbst organisiertes Denken, Bewerten und Handeln im privaten, beruflichen und öffentlichen Leben.
Die im Folgenden beschriebenen Funktionen des Lesens sind nicht isoliert zu sehen. Sie stehen in
konstruktiver Wechselwirkung mit anderen Formen der Medienrezeption.
1. Informationsbeschaffung
Lesen ermöglicht eine Auswahl und
Verarbeitung von Informationen und komplexen Inhalten, fördert das selbst bestimmte und selbst bewusste Zugehen auf und
das Umgehen mit Informations- und Kommunikationsmedien und bietet Lösungsansätze für lebenspraktische und berufliche
Aufgabenstellungen.
2. Ich-Erfahrung
Lesen schafft Freiräume, entlastet vom Alltagsdruck,
vermittelt (vor allem bei poetisch-fiktionaler Literatur) Freude und Vergnügen, fördert Kritik-, Urteils- sowie
Entscheidungsfähigkeit, trägt zum Aufbau persönlicher und kultureller Identität bei, stärkt das Selbstbewusstsein und
leistet damit einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung.
3. Kommunikationsfähigkeit
Lesen ist ein Dialog über zeitliche und
räumliche Distanzen hinweg. Er fördert Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz, schult Denk-, Ausdrucks-, Kommunikations-
und HandlungsFähigkeit, erschließt Kulturgut und Wissen und fördert vernetzendes Denken.
4. Kreativ-konstruktive Tätigkeit
Leserinnen und Leser gestalten den Sinn eines Textes durch ihre individuelle Lesart und damit ihre subjektive Weltsicht aktiv mit und schulen ihre Fantasie und Kreativität.
Aufgaben der Leseerziehung
1. Lesemotivation
Zentrales Anliegen ist es, die Lesebereitschaft und -freude der Schülerinnen und Schüler zu wecken und damit lebensbegleitendes Lesen zu vermitteln. Dazu ist es erforderlich, die Leseerziehung und -förderung im Unterricht, insbesondere durch Textauswahl, Lesemethoden und Rahmenbedingungen lesemotivierend zu gestalten.
Lesemotivierend wirken:
2. Lesekompetenz
Lesefertigkeit muss - den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler entsprechend – differenziert vermittelt werden. Sie muss in der Grundschule, aber auch in allen weiterführenden Schularten gefördert und geübt werden. Sie umfasst im Wesentlichen die Teilbereiche: Lesesicherheit (Lesegenauigkeit), Lesegeläufigkeit (Leseflüssigkeit), sinnverstehendes und sinngestaltendes Lesen (sinnerfassendes Lesen) von Texten mit unterschiedlicher Länge, Komplexität und Sinngehalt. Lesefertigkeit ist für eine Begegnung mit Literatur ebenso Voraussetzung, wie literarische Texte eine Unterstützung für den Erwerb der Lesefertigkeit sind. Zur Verbesserung der Lesekompetenz ist auch eine regelmäßige (Selbst)Kontrolle der Lesefertigkeit erforderlich.
3. Formen des Lesens
identifizierendes Lesen
Es erschließt durch modellhafte Handlungsmuster Orientierungsmöglichkeiten. Denn die Einsicht, dass anderen
Ähnliches widerfahren ist, kann Selbstvertrauen stärken, heilende Prozesse unterstützen und dynamisieren sowie zur
Verwirklichung neuer Ideen motivieren. Vielfältige und individuelle Anregungen zur Lektüre fördern identifizierendes
Lesen.
Literarisches Lesen
Innerhalb der vielfältigen Lesestoffe kommt poetisch-fiktionalen (literarischen) Texten besondere Bedeutung zu.
Im Gegensatz zu unterhaltungsorientierten Texten, die in der Regel eine rasche Verarbeitung ermöglichen, fördert das
(sich jedem Zeitdruck verweigernde) Lesen literarischer Texte eine zumeist eingehendere emotionale und kognitive
Auseinandersetzung mit Inhalten. Sie sind in ihrer Intention nicht eindeutig festgelegt und lassen viele Lesarten zu.
Dadurch fördern sie in besonderem Maße Fantasie und Mündigkeit, lassen die Leserin und den Leser aktiv an der
Sinngebung mitwirken und forcieren kritische Fragestellungen sowie das Denken in Alternativen. Literarische Texte
werden insbesondere im Deutsch- und Fremdsprachenunterricht vermittelt, sollen aber auch in anderen
Unterrichtsgegenständen eingesetzt werden (Diskussions-, Gesprächs- oder Schreibimpuls, Themeneinstieg, Zeit-, Kunst-
bzw. Kulturdokument etc.).
informatives Lesen.
Texte (Lexikon, berufspraktische Handlungsanweisung, Bedienungsanleitung, Formular, Statistik, Grafik, Fahrplan etc.) selektiv und kritisch zu lesen und ihnen relevante Informationen zu entnehmen, hat in allen Unterrichtsgegenständen zentrale Bedeutung. Lehrerinnen und Lehrer aller Unterrichtsgegenstände sollen die vielfältigen Formen des informativen Lesens im Unterricht einsetzen und lesepädagogisch begleiten.
4. Lesarten
Die folgenden Lesarten helfen Schülerinnen und Schülern, die Vielfalt von Texten und Textträgern gezielt zu nutzen:
Das Lesen von Schriftzeichen steht in enger Wechselwirkung zur Rezeption anderer Zeichensysteme und schafft
wertvolle Voraussetzungen für ein bewusstes Medienhandeln. Das trifft sowohl für lineares Lesen als auch für
navigierendes Lesen zu. Eine wirksame Leseerziehung und -förderung wird die verschiedenen Informations- und
Kommunikations-medien nebeneinander und miteinander einsetzen, so dass Schülerinnen und Schüler (selbst)bewusst mit
Medien umgehen lernen.
5. Lesekultur
Eine schulische Lesekultur ermöglicht Schülerinnen und Schülern, die individuell bereichernden und gemeinschaftsstiftenden Aspekte des Lesens zu erfahren und die erworbene Lesemündigkeit zu erproben und zu vertiefen. Schulische Lesekultur hilft, die verschiedenen Lebenswelten im Kontext der Informations- und Kommunikationsgesellschaft zu vernetzen und unterstützt soziales Lernen. Lesen als selbstständiger Wissenserwerb ist eine wichtige Grundlage im Umgang mit offenen Lernformen, für fächerübergreifenden und projektorientierten Unterricht und für die Umsetzung anderer Unterrichtsprinzipien. Schulische Lesekultur erfordert eine Mitwirkung der Schulgemeinschaft, trägt zur Entwicklung eines Schulprofils bei und ist integrierender Bestandteil schulischer Aktivitäten.
Umsetzung
1. Lesemotivation
Motivierende Unterrichtsgestaltung
Der Leseerfolg hängt vor allem von einer positiven Leseatmosphäre ab. Individuelles Lesetempo, Freiheit vom Zwang
laut vorlesen zu müssen, Zulassen spontaner Reaktionen, wechselnde Organisationsformen des Lesens (stilles Lesen, Lesen
in Gruppen, Tonband-aufnahmen, Lesespiele etc.) und geeignete Rahmenbedingungen (Leseecke, Ruhe, Licht, Sitzordnung
etc.) wirken lesemotivierend.
Differenzierender Leseunterricht
Im Zentrum der Leseerziehung und –förderung steht die Individualität der Schülerin und des Schülers, die sie/er
beim Lesen erfahren und entfalten kann. Das setzt sowohl in der Wahl der Lesestoffe als auch der Methoden
differenzierendes Eingehen auf die persönliche Lesebiografie, das Interesse, die Lesefähigkeit und –fertigkeit der
Schülerin und des Schülers voraus. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, eine individuelle Textauswahl zu treffen.
Diese wird durch freies Lesen (freie Textauswahl), Gruppenlektüre und themen-bezogene Lektüre (Wahl aus einer Liste
etc.) gefördert.
Kreativer Umgang mit Texten
Ein Transfer von Texten in andere Ausdrucksformen (Musik, Bewegung, Bild, Rollenspiel etc.) hilft einerseits
sprachlich weniger begabten und schüchternen Schülerinnen und Schülern, über Texte zu kommunizieren, andererseits
fördert er individuelle Begabungen und einen persönlichen Textzugang. Kreatives Lesen regt zur aktiven und
konstruktiven Mediennutzung an.
Individuelle Leseprobleme
Leseschwächen sind oft der Grund für Leistungsschwächen und können vielfältige, und völlig unterschiedliche
(physiologisch, psychologisch und/oder sozial bedingte) Ursachen haben, die meist unabhängig von Intelligenz oder Fleiß
auftreten und die - wenn sie frühzeitig erkannt und individuell behandelt werden - oft verbessert bzw. beseitigt werden
können.
2. Das Buch ist ein zentraler Bezugspunkt der Leseerziehung .
Es ist ein wichtiges, persönlich bereicherndes Vertiefungs-, Kontrast- und Erweiterungs-medium. Bücher motivieren
zu gesellschafts- und kulturpolitischen Fragestellungen und tragen zur Weiterentwicklung der Informations- und
Bildungsgesellschaft bei.
3. Zentrale Schulbibliothek
Zur Verwirklichung der lesepädagogischen Zielsetzungen ist die Errichtung bzw. Einbeziehung der zentrale Schulbibliothek in allen Schularten und Schulstufen maßgeblich. Die Schulbibliothek ist ein mediales Lern- und Informationszentrum, in dem vernetzt gearbeitet wird. Als Ort des Lesens und der Kommunikation leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Schulqualität (Projektunterricht etc.) und schafft Rahmenbedingungen zur Anwendung offener Lernformen. Sie ist nicht nur Stätte des Wissenserwerbes, sondern ein sozio-kulturelles Informations- und Medienzentrum, ein Ort an dem die Faszination des Lesens erfahrbar wird. Ihr Auf- und Ausbau – unter Einbeziehung aller Medien – ist daher vorrangig zu fördern.
Wesentliche Bereiche sind
Die regelmäßige Benützung der Schulbibliothek – in allen Schularten und -stufen sowie Unterrichtsgegenständen ist
ebenso sicher zu stellen wie die Möglichkeit zur individuellen Lektüre und Entlehnung. Es ist das Wesen der
Schulbibliothek, über die unterrichtsbegleitende Funktion hinaus, den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten und
Anregungen zum weiterführenden Lesen und zur Nutzung aller Medien zu geben.
4. Zusammenarbeit mit Büchereien
In Hinblick auf lebensbegleitendes Lesen ist die Zusammenarbeit mit Büchereien zu fördern. Die Schülerinnen und Schüler sollen mit ihnen vertraut gemacht und zu deren Benützung angeregt werden. Gemeinsame Projekte und eine koordinierte Planung von Aktivitäten tragen dazu bei, Büchereien zu nutzen. Eine weiter gehende Kooperation von Schulbücherei und Öffentlicher Bücherei ist als wünschenswertes Ziel (Synergieeffekt) anzustreben.
Kinder- und Jugendliteratur bzw. altersadäquate Texte sollen mittels verschiedener Medien (Bücher, Zeitungen,
Zeitschriften, Magazine, Comics, CD-ROM, Internet etc.) und vielfältiger Vermittlungsformen (Hörspiel, Video, Film
etc.) in allen Schularten und -stufen angeboten werden. Besonders empfehlenswert sind Kinder- und Jugendmedien, die von
lesepädagogisch kompetenten Organisationen (Internat. Institut für Jugendliteratur und Leseforschung, Österreichischer
Buchklub der Jugend, Österreichisches Jugendrotkreuz etc.) angeboten werden.
6. Lesekultur und Schulgemeinschaft
Eine Auswahl von Institutionen, die lesefördernde Aktivitäten undServiceleistungen anbieten, wird im Kommentarteil des Erlasses vorgestellt.
Die Landesschulräte/der Stadtschulrat für Wien, die Direktionen der Pädagogischen und Berufspädagogischen Akademien sowie der Übungsschulen der Pädagogischen Akademien, die Direktionen der Zentrallehranstalten, die Direktion des Bundesinstitutes für Sozialpädagogik und die Direktionen der Pädagogischen Institute werden davon in Kenntnis gesetzt und um geeignete Bekanntgabe in ihrem Wirkungsbereich ersucht.
Dieser Erlass wurde im Ministerialverordnungsblatt veröffentlicht.
Wien, 25. März 1999
Die Bundesministerin:
GEHRER
Geändert am 07.09.2012